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DDR-Zeit - Meldungen 02

Geld machen mit Recycling in der DDR: Ideen und ein Handwagen -- manche DDR-Waren gab es nur in der BRD zu kaufen -- Lehrbücher aus der DDR und der Sowjetunion waren methodisch super -- STASI überwachte auch die Kripo in West-Berlin -- Proteste gegen Honecker-Regime kamen aus gefälschten Kommunalwahlen -- Die politischen Opfer in der DDR sind vergessen -- Honecker fuhr West-Autos (Citroën GX) -- Soziologe Winkler ist im Himmel -- Maurflucht soll als Trauma entschädigt werden, geht das? -- Mauerbau 1961 und die verschwiegenen Gründe -- "La Bohème"-Oppositionskultur in Ost-Berlin -- Menschen waren "Ungeziefer" -- Die Ausreise von 1989 -- China wollte die DDR retten --

Meldungen

präsentiert von Michael Palomino

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Spiegel
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13.12.2013: Geld machen mit Recycling in der DDR: Ideen und ein Handwagen

aus: Spiegel online: Recycling in der DDR: Müll zu Ost-Mark; 13.12.2013;
http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/13021/muell_zu_ost_mark.html

Buchempfehlung:
Mark Scheppert: "Der Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens. 30 vergnügliche Geschichten aus dem Alltag der DDR." Books on Demand GmbH, Norderstedt 2009, 228 Seiten.

<Recycling in der DDR
Müll zu Ost-Mark Reich dank weggeworfener Westlektüre und leerer Wodkaflaschen: Als Jugendlicher sammelte Marko Schubert mit einem Freund in Ostberlin fleißig Wertstoffe und verdiente damit viel Geld. Seine "Altstoff-Mafia" arbeitete mit allen Tricks - und der Hilfe eines stets angetrunkenen Komplizen.

Das konnte doch einfach nicht wahr sein! Seit Wochen wachte ich jeden Sonntag gegen neun Uhr auf, weil irgend so ein Idiot seine Flaschen in den Altglas-Tonnen im Hof zerdepperte. Wieder klirrte es, und diesmal sprang ich auf und öffnete wutentbrannt das Fenster. Gerade wollte ich "Ruhe da unten" brüllen, als ich meinen Irrtum bemerkte: In den Container wurden keine leeren Pullen geschmissen, sondern jemand wühlte angestrengt darin herum. Plötzlich musste ich daran denken, wie ich mir als Kind durch emsiges Sammeln von Altstoffen ein kleines Vermögen verdient hatte.

[Sero = "Sekundärrohstoffe"]

Das Zauberwort, mit dem man in der DDR Flaschen in Kleingeld verwandelte, hieß Sero. Sekundärrohstoffe wie Papier, Gläser, Flaschen, Schrott, Lumpen, Plaste und Elaste gaben die Menschen in den Sero-Sammelstellen ab und erhielten pro Stück oder Kilogramm einige Pfennige dafür. Es hieß, die zahnlosen Leute, die dort arbeiteten, kämen direkt aus dem Knast in Rummelsburg und sollten durch diesen grauenvollen Job wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden.

In dem alten ausrangierten Lkw-Anhänger direkt an der Büschingstraße in Ostberlin stank es stets muffig und nach Alkohol. Der Planwagen mit dem Sero-Logo war irgendwann wie ein Fremdkörper zwischen all den zehngeschossigen Hochhäusern mitten auf dem Gehweg abgestellt worden.

Tätowierter Hüne mit Alkoholfahne

Zu dem Wagen gehörte Herr Lepro. Unrasiert, die Haare klebrig über die Stirn gekämmt und stets übellaunig saß der tätowierte Hüne auf den Stufen der rostigen Treppe, die zu seinem Bauwagen hinaufführte und blickte uns böse an. Er hatte gewisse Ähnlichkeit mit dem Riesen aus der beliebten Kinderserie "Spuk unterm Riesenrad". Dort stellten sich aber Hexe, Zwerg und auch der Riese schnell als liebenswerte Zeitgenossen heraus. Bei Herrn Lepro war dies nicht der Fall. Der Alkoholgestank im Inneren seines Wagens ging nicht nur von Hunderten leerer Schnapsflaschen, sondern wohl auch von seinen Atemwegen aus. Seine sozialistische Aufgabe war es, Altstoffe von braven Bürgern gegen Geld anzunehmen und sie in die volkseigene Produktion zurückzuführen.

Vorher war unsere Altstoffannahme "jwd", also "janz weit draußen" gewesen. Als der Wagen über Nacht plötzlich an dieser Stelle aufgebaut worden war, freuten sich Benny und ich. Schließlich mussten wir immer Vaters Schnaps- und die bulgarischen Rotweinpullen unserer Mami entsorgen. Mein kleiner Bruder ging jedoch nur wenige Male zum Altstoffmann. Klar sah der Typ finster, gemein und hinterhältig aus, aber dass Benny gar nicht mehr einschlafen konnte und Alpträume bekam, wenn er an den Lepro dachte, fand ich ein bisschen übertrieben. Na gut: Ich hatte Schiss vorm Wäschemann.

Mit seinen dicken Oberarmen stapelte Lepro Papier, Pappe, Schrott und Lumpen bis unters Dach und ließ Flaschen und Gläser in riesigen Kisten verschwinden. Da ich nie mitbekam, wann der Wagen geleert wurde, stellte ich mir immer vor, wie Herr Lepro des Nachts mit riesigen Rucksäcken voller Altstoffe durch Berlin zum zentralen Sero-Hof stiefelte, um sie dort brüllend bei anderen tätowierten Monstern abzuliefern.


Pionierauftrag auf einen Schlag übererfüllt

Natürlich mussten Altstoffe auch regelmäßig für die Schule gesammelt werden, um die Einnahmen Kindern in Angola, Vietnam und Nicaragua zu schicken. Papier, Schrott und Schnapsflaschen für den Frieden konnten montags ab 7.30 Uhr im Altstoffkeller der Schule abgegeben werden und wurden von den verantwortlichen Schülern in Listen eingetragen - 100 Soli-Punkte brauchte jeder Schüler im Jahr. Wir staunten nicht schlecht, als wir mit einer einzigen großen Fuhre Altpappe - einem Geschenk von Bommels Mutter, die Bibliothekarin war - unseren Pionierauftrag des Jahres 1981 bereits übererfüllt hatten. Ab jetzt konnten wir die Sachen also komplett in eigenes Taschengeld umwandeln und schleppten die nächsten Pappen zum Altstoffhändler.

Mürrisch drückte uns Herr Lepro zehn Mark in die Kinderhände - jedem! So entstand ein ziemlich ungewöhnliches Hobby für einen Elfjährigen: Altstoffsammeln! Jeder Betrag über zwei Mark war für uns eine unglaubliche Summe, und wir hatten durch unseren ersten Zehner Blut geleckt.

Wir grasten den kompletten Wohnblock ab, klingelten an jeder Tür und fragten: "Haben Sie Altstoffe?" Natürlich bekamen wir unsere bunten Stoffbeutel und Netze fast überall prall gefüllt. Viele Leute waren einfach zu faul, die Sachen selbst wegzubringen. Und die Menschen soffen zu unserer Überraschung alle so viel wie unsere Väter. In fast jedem Haushalt gab es hinter einem Vorhang eine Abstellnische mit Dutzenden weißer Schnaps- und grüner Weinpullen.

Vor dem fiesen Altstoffhändler Lepro verloren wir langsam unsere Scheu. Wir merkten, dass auch für ihn dieses Geschäft mehr als gut zu laufen schien. Besonders scharf war er auf Zeitschriften, Papier- und Buchlieferungen. Erst Jahre später, als auch ich nach Westzeitschriften, Postern und verbotenen Büchern gierte, wurde mir bewusst, wie viel Kohle er damit nebenher gemacht haben musste.

Westzeitungen gegen DDR-Geld

Wir entwickelten eine symbiotische Geschäftsbeziehung: Er bekam seine Westliteratur und wir unsere ostdeutschen Aluminumchips, also DDR-Geld. Wir handelten einmalige Privilegien aus und mussten so nicht mehr die ollen Metallringe an den Flaschenhälsen mit dem verrosteten Schraubenzieher selbst abschlagen, nicht mehr um jedes Gramm Papier feilschen - es wurde auch mal aufgerundet.

[Eine Handkarre]

An einem kühlen Herbsttag - wir hatten ihn gerade wieder beliefert und abgerechnet - sagte Herr Lepro, dass er noch etwas für uns hätte. Wie immer roch er ein wenig süßlich nach Alkohol, aber seine rot unterlaufenen Augen deuteten so etwas wie ein Leuchten an. Er ging die Treppe hinunter nach draußen vor den Altstoffwagen, öffnete den Kofferraum eines dunklen Lada und stellte uns grimmig lächelnd einen riesigen selbstgebauten Bollerwagen vor die Füße: "Na, wat sagt ihr nun, Jungs?" Der wahrscheinlich freundlichste Sero-Mitarbeiter der Welt strahlte.

[Recycling-Gruppen: Sektoren werden abgesteckt]

Mit der neuen Handkarre konnten wir plötzlich viel längere Strecken bewältigen und uns endlich auch in andere Stadtteilecken wagen. Nur ein einziges Mal, in Höhe des Hotel Berolina, trafen wir die wesentlich älteren Jungs der Konkurrenz, die uns klarmachten, dass wir dort überhaupt nichts zu suchen hätten. Die restlichen endlosen Häusermeere gehörten uns allein. Vom S-Block bis zum Scheppert-Eck, vom Leninplatz bis zum Märchenbrunnen reichte nun unser Altstoffmonopol.

[Ankündigungen in der Nachbarschaft - und es funktioniert]

Wir ließen meine Mutter per Schreibmaschine Zettel schreiben, auf denen stand: "Die jungen Pioniere kommen am 22.09.1981 zum Altstoffsammeln in Ihr Haus. Bitte stellen Sie Flaschen, Gläser und Altpapier im Müllschluckerraum bereit." Auf die Mieter in unserer Gegend war in der Regel Verlass - die Räume waren am gewünschten Tag immer rappelvoll, als hätten sie am Wochenende extra für uns ihre noch halbvollen Pullen ausgesoffen.

Malheur im Feierabendverkehr - [der überladene Handwagen kippt um]

An einem kühlen, regnerischen Herbstnachmittag hatten wir geschuftet wie noch nie. Unser Wagen war vollkommen überladen, und wir mussten beim Transport die gestapelten Papierpakete, Flaschen und Gläser an der Seite festhalten und gleichzeitig mit schier unmenschlicher Kraft ziehen, um das Gefährt in Richtung Altstoffhändler zu bewegen.

Natürlich krachte der Wagen mit einem riesigen Knall ausgerechnet auf der viel befahrenen, vierspurigen Mollstraße auf die Seite. Überall lagen zersplitterte Flaschen Nordhäuser Doppelkorn, kaputte Spreewälder Gurkengläser rollten in Richtung Bordsteinkante und ein dickes Paket gebündelter "Neuer Deutschlands" fiel auseinander. Und das im Feierabendverkehr.

Schnell bildete sich ein langer Stau wütend hupender Autos. Eigentlich alles kein Problem, doch ausgerechnet meine Mutter hatte das Malheur aus dem Fenster des neunten Stocks beobachtet. Wütend stand sie wenig später mit unserem Besen bewaffnet neben uns und schrie mich an: "Womit habe ich das alles verdient?" Zum Glück sagte Bommel energisch: "Vielleicht würden Sie uns erst einmal helfen, die Sachen von der Straße zu schaffen, Frau Schubert."

Inzwischen hatte sich auf beiden Spuren in Richtung Alex ein langer Stau gebildet. Die widerlich quäkende Trabi-Hupe war aus mehreren Fahrzeugen zu hören. Ein älterer Herr mit Schiebermütze stieg aus dem Wagen und beschimpfte meine Mutter. Eine jüngere Passantin half uns dabei, die überall verstreut liegenden Zeitungen und Bücher, Gläser und Flaschen auf die gegenüberliegende Seite zu schleppen, und eine ältere Dame hantierte wie wild mit unserem Besen herum. Nicht wenige im zweiten Gang vorbeischleichende Wagenbesitzer zeigten uns einen Vogel.

Rekorderlös für die "Altstoff-Mafia"

Trotz der vielen Scherben am Straßenrand und einer wirklich mies gelaunten Mutter: Für diese einzige Lieferung bekamen wir genau 96 Mark! Das war Rekord für uns, die legendäre "Altstoffmafia".

Erst mit 14 stellte ich überrascht fest, dass ich mir von dem Geld überhaupt nichts Vernünftiges kaufen konnte. Bei der Währungsunion 1990 waren deshalb noch 1.500 Mark vom damaligen Altstoffgeld übrig, die ich 1:1 in Westgeld umgetauscht bekam - vielen Dank Herr Kohl, Herr Lepro und Sero. Kurz nach dem Mauerfall war der Planwagen zwischen unseren Häusern so plötzlich verschwunden, wie er gekommen war. Den "Herrn der Altstoffe" sah ich im Leben nie wieder. >

Bildertexte:

Bild 1: <Sammeln an Schulen: Seit Beginn des Schuljahres 1986 war der Sero-Schülerexpress im wöchentlichen Wechsel an den acht Schulen der Kreisstadt Waren unterwegs. Flaschen, Gläser und Altpapier wurden von Lehrern und Schülern gesammelt und regelmäßig abgegeben. 
Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-1986-1015-313

Bild 2: Mobile Abgabestelle: Kinder und Erwachsene liefern am 27. September 1983 Altstoffe bei einem Sero-Mobil ab. Der mobile Aufkaufwagen für Sekundärrohstoffe bot auch Informationsmaterial über die Verwendung der Altstoffe an. Rund 45 Prozent des Altpapiers, das in der Volkswirtschaft wieder eingesetzt wurde, kam aus Haushalten.
Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-1983-0927-003

Bild 3: Altglas-Abgabe: Um den DDR-Bürgern die Abgabe von Altstoffen zu erleichtern, waren insgesamt 17 Sammelwagen in Berlin unterwegs. Die Wagen standen meist zwei Tage lang an derselben Stelle, wie hier am 11. Oktober 1974 im Stadtbezirk Mitte in der Berolinastraße. Rechts an der Tür hängt eine Preisliste für die wertvollen Sammelgüter. Ein Kilo Papier brachte in den Achtzigern etwa 30 Pfennig, eine Flasche meist nur fünf Pfenning.
Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-N1011-011

Bild 4: Revier von oben: Das Einzugsgebiet der "Altstoff-Mafia" von Marko Schubert reichte vom Leninplatz über S-Block, U-Block, Mollstraße bis hin zur Hans-Beimler-Straße. Die Luftaufnahme vom 20. September 1990 zeigt das Gebiet um die Mollstraße.

Bild 5: Altstoff-Pioniere: Marko Schubert, rechts, mit seinem kleinen Bruder Benny um 1983. Die beiden freuten sich über die Sero-Sammelstelle nahe ihres Wohnblocks in Ostberlin und sammelten in den achtziger Jahren fleißig Papier und Glas in der Nachbarschaft. Die Gewinne ihrer "Altstoff-Mafia" investierten sie am liebsten in Fußball-Wimpel.

Bild 6: Sammeln, Ordnen, Abgeben: FDJler der 8. bis 10. Klassen der Oleg-Koschewoi-Oberschule des Stadtbezirks Friedrichshain sortieren im Januar 1981 Flaschen und Gläser. Im Vorjahr hatten die Schüler der Oberschule insgesamt 9343 Mark durch das Sammeln von Sekundärrohstoffen eingenommen und auf das Solidaritätskonto überwiesen. Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-Z0130-031

Bild 7: Fleißige Sammler: Die Jungen Pioniere der 18. Oberschule in Berlin-Lichtenberg sind auch in ihren Winterferien aktiv. Mit den gesammelten Altstoffen nehmen sie am "Mach mit"-Wettbewerb teil. Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-L0217-020

Bild 8: Altglas aus der DDR: Während Gläser, Papier und Pappe zu Marko Schuberts "Lieblingsaltstoffen" zählten, brachten ihm Schnapspullen relativ wenig Geld ein. Doch am Ende machte es die Menge. Und die Menschen in Marko Schuberts Viertel tranken viel Schnaps.

Bild 9: Da hatte er was gut: Die Sparbucheinträge von 1984 belegen die beträchtlichen Erlöse, die Marco Schubert und sein Freund durch das Sammeln von Sekundärrohstoffen scheffelten. "Nach einer guten Tour gingen wir in die Sparkasse an der Mollstraße und zahlten die Gewinne direkt ein", erinnert er sich.

Bild 10: Wöchentliche Abgabe an der Schule: Jeden Dienstag trafen sich die Schüler der Klasse 5c der 48. Oberschule Berlin-Lichtenberg zum Altstoff-Abgabetag in der Hans-Loch-Straße. Der Erlös wurde für Solidaritätsspenden und die Klassenkasse verwendet. Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-U0404-022>

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5.7.2017: Manche DDR-Waren gab es nur in der BRD zu kaufen - die Rolle des Satellitenfernsehens gegen das DDR-Regime

aus: Bericht von Kommunikationspartner R.J. aus Schweden, Ex-Franken, 5.7.2017

"stra-SAT-TV aus Luxemburg (was geringere, deshalb unauffällige Parabolgrösse ermöglicht hat) hat zweiffellos - neben Polens Soldarnosc - erheblich den Niedergang der DDR-UDSSR bewirkt - weil die Leut im Osten dadurch West-TV sehen haben können: das Einkaufsparadies dort (wofuer die im Osten gearbeitet haben, selber die von ihnen produzierten Waren aber nicht kaufen konnten!)."

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Epoch Times online,
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11.10.2017: Kindsmissbrauch in der DDR: Opfer waren zum Schweigen verpflichtet - "Wiedereinpassung des Täters ins Kollektiv" war die Massnahme - keine Aufklärung, Lösung, Hilfe - und in Heimen und Werkhöfen nochmals missbraucht
Kindesmissbrauch in der DDR: Opfer mussten schweigen denn – „sexuellen Missbrauch gab es in der DDR offiziell nicht“
"Für Betroffene war es regelrecht unmöglich, über ihre Erfahrungen zu sprechen, da es sexuellen Missbrauch in der DDR offiziell nicht gab", beklagt Stefanie Knorr von der Beratungsstelle für politisch Traumatisierte der SED-Diktatur "Gegenwind".

Kindesmissbrauch ist in der DDR weitaus stärker tabuisiert worden als im Westen. „Sexueller Missbrauch war in der DDR ein Politikum und wurde als solches behandelt und gleichermaßen tabuisiert“, heißt es in einer am Mittwoch vorgelegten Expertise im Auftrag der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Der Analyse liegen 250 Fälle von Betroffenen zugrunde. Es sei um Bestrafung, Disziplinierung und Wiedereinpassung des Täters ins Kollektiv gegangen, „nicht um Aufklärung, Lösungsangebote oder gar Hilfen insbesondere für die Betroffenen“, lautet das Fazit. Abweichendes oder kriminelles Verhalten galt demnach in erster Linie als Angriff auf den sozialistischen Staat – und nicht auf das Opfer.

„Für Betroffene war es regelrecht unmöglich, über ihre Erfahrungen zu sprechen, da es sexuellen Missbrauch in der DDR offiziell nicht gab“, erklärte Stefanie Knorr von der Beratungsstelle für politisch Traumatisierte der SED-Diktatur „Gegenwind“ und eine der Autoren. Professionelle Begleitung und Therapien habe es nicht gegeben. „Die sozialistische Persönlichkeit hatte frei von psychischen Auffälligkeiten zu sein“, erklärte Knorr.

Langes Schweigen wirkt bis heute

Dieses „lange Schweigen“ wirke bis heute nach, erklärte die frühere Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD), die der Aufarbeitungskommission angehört. Viele Betroffene könnten nicht über den erlebten Missbrauch reden und fühlten sich „noch immer stigmatisiert“.

[Der mehrfache, sexuelle Missbrauch: Zuerst zuhause - und dann im Heim oder auf dem Werkhof]

In den schriftlichen Berichten und vertraulichen Anhörungen von Opfern fällt demnach auch eine Mehrfachbetroffenheit auf. So kam es zum Beispiel vor, dass Mädchen und Jungen ein auffälliges Verhalten aufgrund sexuellen Missbrauchs in der Familie entwickelten und daraufhin in ein Heim oder einen sogenannten Jugendwerkhof eingewiesen wurden, wo sie erneut sexueller Gewalt ausgesetzt waren. Die Kontaktaufnahme nach draußen war von dort besonders schwierig, so dass Betroffene kaum Hilfe erwarten konnten.

[Vergewaltiger auch beim Ministerium für Staatssicherheit]

Täter, die für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) arbeiteten, wurden demnach zunächst aus dem Staatsdienst entlassen und bekamen einen zivilen Beruf, ehe sich Gerichte mit ihren Taten befassten. Die Zugehörigkeit zum MfS sollte in den Ermittlungsakten nicht erkennbar sein. Teilweise schuf das MfS den Tätern nach der Haftentlassung neue Legenden und setzte sie dann weiter als Inoffizielle Mitarbeiter ein.

„Missbrauch in DDR-Heimen“ - [es fehlt die Gleichstellung zu anderen Opfern von Gewalt]

Auf einer öffentlichen Anhörung zu sexuellem Kindesmissbrauch in der DDR sollten am Mittwoch in Leipzig Betroffene und Experten aus Politik, Wissenschaft und Praxis zu Wort kommen. Corinna Thalheim, Vorstandsvorsitzende der Betroffeneninitiative „Missbrauch in DDR-Heimen“, forderte, die Opfer sexueller Gewalt allen anderen Opfern des DDR-Regimes gleichzustellen. „Die sexuelle Gewalt in den Heimen findet bisher keine beziehungsweise wenig Beachtung.“ Zudem gebe es bis heute zu wenige Fachberatungsstellen für die Betroffenen.

Die Kommission hatte im Mai 2016 ihre Arbeit aufgenommen. Sie untersucht sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in der Bundesrepublik und in der DDR. (afp)"

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18.12.2017: DDR war total überwacht und terrorisiert

Angabe von Ro.W., Facebook

Merkel ist auf jeden Fall eine Spezialistin des Sozialismus, die DDR war sehr viel besser überwacht, als das NS Regime, dagegen war dieses ein Freiluft Sozialismus..D. hatte nach Weltkrieg 2, bis zur "Wiedervereinigung", die höchste Geheimdienstmitarbeiter- Dichte des gesamten Globus...

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18.9.2018: Lehrbücher aus der DDR und der Sowjetunion waren methodisch super

Angabe von Kommunikationspartner RJ, Ex-Franken, heute Schweden:

"Die Bevölkerung, die Menschen der ehemaligen DDR kenne ich teilweise und schätze sie als wunderbare Personen ein - wie auch die wenigen Russen, ua. ueber Erzählungen meiner Mutter - und einem Lehrer per dessen Berichten aus der Kriegsgefangenschaft.
Als Student hab ich Lehrbuecher aus der DDR am meisten geschätzt, weil die am verständlichsten und klarsten formuliert waren.
Da hat man richtig 'mit' gehen können.
Das hat Physikbuecher und Mathematikbuecher betroffen. Mathematikbuecher dann auch aus der damaligen Sowjetunion ins Deutsche uebersetzt, ua. den 'Fichtenholz'.
Pädagogisch war das einfach besser als der Schrott der einem im Westen teilweis vorgesetzt war, weils ja immer um den Abverkauf gehen hat muessen. Und die Relativitätstheorie um die sich alles drehen hat sollen.
Aber auch sonst stiess ich auf viele kluge Buecher aus der DDR und Sowjetunion."

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BRD-Schwindel
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24.9.2018: Die Stasi-Mobilmachung im Ernstfall gegen neuen Volksaufstand nach 1953 - der "Vorbeugekomplex" für Oppositionelle bis 1989 - Schlösser als Isolationszentren
Direktive 1/67 – „Honeckers unheimlicher Plan“
http://brd-schwindel.ru/direktive-167-honeckers-unheimlicher-plan/

<von ET

Direktive 1/67“ steht auf dem braunen Hefter. In der rechten Ecke prangt der Stempel „Geheime Kommandosache“. Über die Mobilmachung im Ernstfall innerhalb der DDR-Stasi haben die Berliner Filmemacher Katharina und Konrad Herrmann eine Dokumentation gedreht, die am 1. Oktober zu sehen sein wird.

Besonders brisant ist dabei die geplante Inhaftierung von Oppositionellen in Isolierungslagern. Über dieses Kapitel der DDR haben nun die Berliner Filmemacher Katharina und Konrad Herrmann eine Dokumentation gedreht. Ausgestrahlt wird der Film „Honeckers unheimlicher Plan“ am kommenden Montag (1. Oktober) um 23.30 Uhr im Ersten.

Vor etwa zwei Jahren stießen die Dokumentarfilmer in einem Newsletter des Bundesbeauftragten für Stasiunterlagen auf das Thema. Dem ersten Hinweis folgte eine monatelange Suche in den Archiven. Ziel der Direktive war es seinerzeit, einen Volksaufstand wie am 17. Juni 1953 schon im Keim zu ersticken. Der Plan sollte deshalb im Falle von Krisen in der DDR-Gesellschaft potenzielle Staatsgegner sofort durch Verhaftung und Isolierung zum Schweigen bringen.

Ein spezielles  Codewort an alle 211 Kreisdienststellen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) im Land sollte am „Tag X“ eine ungeheure Maschinerie in Gang setzen. Im „Vorbeugekomplex“ wurden bis zum Herbst 1989 durch das MfS 85 000 DDR-Bürger geführt. Im Ernstfall hätten sie innerhalb von 24 Stunden verhaftet und isoliert werden können.

Ins Visier gerieten Ausreisewillige, Friedens- und Ökoaktivisten, Bürgerrechtler, regimekritische Schriftsteller wie auch politisch unsichere Betriebsdirektoren. Anhand der Stasi-Dokumente sowie von Zeitzeugenberichten rekonstruiert der Film dieses gewaltige Planspiel von erschreckender Präzision. Einer dieser „Staatsfeinde“ ist Rudolf Keßner aus Weimar. Der Schriftsetzer nutzte sein Ladenschaufenster als „Alternative-Litfaßsäule“, um über Wehrdienst oder Rechte und Pflichten von Ausreisewilligen aufzuklären. Im Film sagt er:

„Wir waren ganz normale Leute, die für Veränderung, für normale demokratische Veränderungen waren, normal leben und nicht eingemauert sein wollten“.

In der Erklärung der Stasi-Akten heißt es:

„K. tritt als Organisator des politischen Untergrunds auf…“.

Für K. planten sie die Isolierung auf Schloss Beichtlingen in der Nähe Erfurts.

Die Filmemacher wollten auch die „Gegenseite“ hören. Doch von den ehemaligen Mitarbeitern der Stasi seien sie radikal abgeblockt worden, sagt Konrad Herrmann. Trotzdem konnten für das Projekt zwei SED-Kenner gewonnen werden, die einen Einblick in die Denkweise der damals Verantwortlichen geben.

Für Katharina und Konrad Herrmann ist ihre Dokumentation ein Stück DDR-Geschichte.

„Wir haben den Film für die jungen Zuschauer gemacht, die sich mit dem Phänomen Diktatur auseinandersetzen wollen, für jene, die in der DDR gelebt haben und sich vielleicht Fragen nach den Gründen für Handlungen stellen und für alle, die deutsch-deutsche Geschichte differenzierter verstehen wollen“, sagt die Produzentin.

Freuen würde es die Dokumentarfilmer, wenn „Honeckers unheimlicher Plan“ zum Dialog der Generationen beitragen könnte. Bei der Beschäftigung mit dem Thema sei ihnen bewusst geworden, was es bedeutet in einer Demokratie zu leben, frei seine Meinung äußern zu können und ein Leben zu führen, wie man es will.

„Unser Film erzählt von Menschen, die dafür von der Stasi beobachtet und zu Feinden der Gesellschaft erklärt wurden“, sagt der Regisseur. (dpa)>

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Kronenzeitung
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26.9.2018: Neuer Film über die Flucht aus der DDR mit einem Ballon
DDR-Drama: Mit dem „Ballon“ auf der Flucht in die Freiheit
https://www.krone.at/1778616

<Ballonfahren ist ein Spiel mit dem Feuer - noch dazu unter widrigen Umständen: Thüringen 1979. Die Familien Strelzyk (Friedrich Mücke, Karoline Schuch) und Wetzel (David Kross, Alicia von Rittberg)  wollen mit ihren Kindern mit einem selbstgenähten Heißluftballon die rund 60 km in den Westen überwinden. Es ist dies der zweite Versuch. Als Stasi-Oberstleutnant Seidel (Thomas Kretschmann) einen Tipp von einer Stoffverkäuferin bekommt, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.

Michael Bully Herbig, bislang auf Komödien spezialisiert, hat die wahre Geschichte einer spektakulären DDR-Flucht als spannenden Thriller verfilmt, die in einem nervenaufreibenden Showdown  mit Kampfhubschraubern gipfelt. Viel mehr als heiße Luft, sind doch auch die Charaktere fein ziseliert. „Bully-Parade“ war gestern!>

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Epoch
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1.11.2018: DDR-Kindergefängnis: Staatsanwaltschaft untersucht Todesfälle im ehemaligen DDR-Durchgangsheim Bad Freienwalde

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Epoch Times online,
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1.3.2019: STASI überwachte auch die Kripo in West-Berlin:
Stasi der DDR überwachte auch die Kriminalpolizei in West-Berlin

Die Staatssicherheit der DDR überwachte auch die Kriminalpolizei im Westteil Berlins. Auch spätere RAF-Mitglieder wurden beobachtet. Mehr»

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Sputnik-Ticker
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8.5.2019: Proteste gegen Honecker-Regime kamen aus gefälschten Kommunalwahlen:
„Eine nicht notwendige Dummheit“: Wie und warum die DDR-Kommunalwahl 1989 gefälscht wurde
https://de.sputniknews.com/politik/20190508324906722-ddr-kommunalwahl-faelschungen-proteste/

<Tilo Gräser

Die DDR-Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 hatten vorgegebene Ergebnisse. Diese Wahlfälschung gilt allgemein als einer der Auslöser vor 30 Jahren für die Proteste der DDR-Bürger gegen die Partei- und Staatsführung. Zeitzeugen haben in Berlin daran erinnert. Dabei wurde auch ein hohes Maß an subjektivem Empfinden offenbar.

Die DDR-Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 hatten vorgegebene Ergebnisse. Diese Wahlfälschung gilt allgemein als einer der Auslöser vor 30 Jahren für die Proteste der DDR-Bürger gegen die Partei- und Staatsführung. Zeitzeugen haben in Berlin daran erinnert. Dabei wurde auch ein hohes Maß an subjektivem Empfinden offenbar.

Stefan Müller wurde 1989 von der DDR-Staatssicherheit mehrmals verhaftet. Er hat damals gemeinsam mit Freunden und anderen Aktivisten in Berlin auf die gefälschte Kommunalwahl vom 7. Mai des Jahres in der DDR aufmerksam gemacht. Das geschah an jedem 7. der Folgemonate und im September 1989 auf dem Alexanderplatz. Dort wurden sie von Mitarbeitern der Staatssicherheit wieder verhaftet, was laut Müller ziemlich brutal geschah. Ihm wurde der rechte Arm gebrochen, wie er sich am Dienstag erinnerte.

Gemeinsam mit Evelyn Zupke, einer Aktivistin aus Berlin-Weißensee, berichtete der Berliner, wie er vor 30 Jahren auf die Wahlfälschung aufmerksam zu machen versuchte. Gemeinsam mit der Historikerin Anja Schröter und dem „Spiegel“-Journalisten Peter Wensierski sprachen beide über die letzten DDR-Kommunalwahlen in Berlin und deren Folgen.

„Keinen Bock mehr auf den Mist“

Der heutige Sozialarbeiter Stefan Müller sagte, er habe damals jede Möglichkeit gesucht, um das „marode System“ der DDR zu ärgern. „Wir sind junge Leute gewesen, wollten an den Veränderungen beteiligt werden und sind ausgegrenzt worden.“ So beschrieb er die damalige Stimmung in seinem Freundeskreis, der vor allem aus Wehrdienst-Totalverweigerern bestanden habe. „Wir hatten keinen Bock mehr auf den Mist.“ Sie hätten den DDR-Funktionären und -Mächtigen zeigen wollen: „Ihr nervt uns und habt das Land runtergeritten!“

Er sei nicht kirchlich gewesen, obwohl sein Vater Pastor war. Aber da die Kirchen in der DDR der einzige Ort waren, wo sich oppositionelle Gruppen treffen konnten, sei er mit zum „Friedenskreis“ in Berlin-Weißensee gegangen. Den hatte Evelyn Zupke mit anderen organisiert, wo die beiden dann aufeinander trafen.

Mit anderen, unter ihnen ein „Inoffizieller Mitarbeiter“ (IM) der Staatssicherheit, haben sie sich damals darauf vorbereitet, die Stimmauszählungen am 7. Mai 1989 zu beobachten. Das war nach dem DDR-Wahlgesetz möglich, wurde ihnen aber mit zum Teil absurden Begründungen erschwert. Gemeinsam organisierten sie danach die Proteste gegen die offiziell verkündeten, falschen Ergebnisse.

Offensichtlich falsches Ergebnis

Was beide aus ihrer Erinnerung berichteten, das gehörte zu den DDR-weiten Protesten nach der Kommunalwahl im Mai 1989. Die war, laut Historikerin Schröter, ein Katalysator für die gestiegene Unzufriedenheit und die zunehmenden Proteste in der DDR-Bevölkerung. Dazu trug bei, dass Egon Krenz, Leiter der zentralen Wahlkommission, am Abend des 7. Mai 1989 verkündete, 98,85 Prozent der Wahlberechtigten hätten mit Ja für die Einheitsliste der „Nationalen Front“ gestimmt, und es hätte nur 1,15 Prozent Nein-Stimmen gegeben.

Doch das war eine offensichtliche Falschmeldung, denn Wahlbeobachter in zahlreichen DDR-Städten hatten festgestellt, dass es bis zu zehn Prozent Nein-Stimmen gab. In Berlin-Weißensee wurden beispielsweise amtlich 1.011 Nein-Stimmen bei 42.007 gültigen Stimmen für den Wahlvorschlag verkündet, wie Müller und Zupke am Dienstag berichteten. Sie präsentierten ihre damalige Auswertung, nach der es in 66 von 67 Wahllokalen 2261 Nein-Stimmen und 25.797 Ja-Stimmen gegeben hatte. Auch sei offiziell die Wahlbeteiligung deutlich höher angegeben worden, als sie tatsächlich war.

Wahlkabinen im Abseits

Moderator Wensierski ließ sich im „Stasi-Unterlagenarchiv“ im ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit (MfS) von den beiden Aktivisten erklären, wie diese Wahl nach bewährtem DDR-Muster funktionierte. Dazu habe es einen Wahlzettel mit einer Einheitsliste von Kandidaten der „Nationalen Front“ gegeben. In dieser waren die fünf Parteien der DDR, allen voran die SED, zusammengefasst.

Traditionell mussten und konnten die Wähler auch im Mai 1989 nicht zwischen verschiedenen Kandidaten wählen. Sie sollten eigentlich nur den Wahlzettel falten und in die Wahlurne einwerfen, was als Ja-Stimme gewertet wurde. Zwar habe es in den Wahllokalen auch Wahlkabinen gegeben, erinnerte Zupke. Aber die hätten so gestanden, dass alle, die sie benutzen wollten, einen längeren Weg vor den Augen der offiziellen Wahlhelfer bewältigen mussten.

Das habe dazu geführt, dass viele die Kabinen gar nicht erst benutzten, so Zupke. Dazu habe „eine gehörige Portion Mut“ gehört, behauptete Moderator Wensierski. Zupke meinte, wer das tat, hätte danach Ärger bekommen. Der Autor dieser Zeilen hat das nach der Wahl am 7. Mai 1989 nicht erlebt, nachdem er die Wahlkabine benutzte und in dieser mit „Nein“ stimmte. Allerdings lag dafür in der Kabine tatsächlich nur ein Bleistift aus.

Wahlergebnis auf Anordnung von oben

Allerdings war es nicht so einfach, eine gültige Nein-Stimme abzugeben. Wer nicht alle Namen der Kandidaten einzelnen durchgestrichen hatte und sein „Nein“ anders kundtat, dessen Wahlzettel wurde als Ja-Stimme gezählt, berichteten die Zeitzeugen am Dienstag. Sie wollten damals mit ihrer vorbereiteten Wahlbeobachtung und ihren Protesten bei den DDR-Behörden danach auf den Betrug an den Wählern aufmerksam machen und die DDR-Bürger wachrütteln, wie sie erklärten.

Die falschen offiziellen Ergebnisse kamen auf Anordnung von oben zustande. In Ost-Berlin hatte der damalige Oberbürgermeister Erhard Krack von der SED den Stadtbezirken bereits vor dem Wahltag die Prozente der Ja-Stimmen vorgegeben. Ähnliches ist aus den anderen DDR-Bezirken bekannt geworden. Auch die Reaktionen auf die erwarteten Proteste gegen die Ergebnisse seien vorbereitet worden, berichteten die Podiumsteilnehmer am Dienstag. So habe Staatssicherheitsminister Erich Mielke persönlich vorgegeben, wie die Antworten auf die Eingaben von Bürgern zu formulieren seien.

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© Sputnik / Tilo Gräser
von links: S. Müller, Dr. A. Schröter, E. Zupke und Moderator P. Wensierski

Krenz heute: „Nicht notwendige Dummheit“

„Das war natürlich eine Dummheit, die wir selbst zu verantworten hatten.“ So kommentierte 30 Jahre später der damalige Leiter der DDR-Wahlkommission Egon Krenz gegenüber Sputnik die Wahlfälschung. Er verwies darauf, dass das DDR-Wahlgesetz noch aus den 1950er Jahren stammte und nicht mehr zeitgemäß war.

„Die Sache wäre überhaupt nicht notwendig gewesen. Ein anderes Ergebnis hätte überhaupt nichts an den Machtverhältnissen in der DDR geändert.“ Das sei zwar korrigierbar gewesen, habe aber die Stimmung in der DDR negativ verändert, gestand Krenz ein. Er habe aber nicht zur Wahlfälschung angestiftet, sagte er. Das habe ein entsprechendes Strafverfahren gegen ihn bewiesen, das ohne Urteil gegen ihn endete. Insgesamt seien 20 DDR-Funktionäre wegen der gefälschten Wahlergebnisse vom 7. Mai 1989 in der vereinigten Bundesrepublik angeklagt und verurteilt worden, hieß es am Dienstag.

Freie Wahlen ohne Sieg der Bürgerbewegung

Die beiden damaligen Wahlbeobachter Zupke und Müller meinten, sie seien enttäuscht gewesen, dass dann bei den letzten und freien Wahlen der DDR am 18. März 1990 zur Volkskammer die Bürgerbewegten so schlecht abschnitten. Ihre Vertreter in verschiedenen Gruppen bekamen damals insgesamt nur knapp über fünf Prozent. Großer Sieger war die ehemalige Blockpartei CDU mit 40,8 Prozent, bereits von der bundesdeutschen Schwester-Partei gleichen Namens unterstützt. Damit wurde der Weg in die schnelle Einheit geebnet.

„Die Stimmung war: Da sind wir wieder fünf Prozent unter uns“, erinnerte sich Müller an den Wahlausgang. Aber ihm und seinen Freunden sei auch klar gewesen, dass es eine demokratische Entscheidung war, bei der sich die Mehrheit der DDR-Wähler für den Westen entschieden habe. Er habe gedacht: „Das ist immer noch besser, als den Osten zu behalten.“

Immer noch Angst vorm Sozialismus?

Der einstige Bürgerbewegte aus der DDR betonte wie seine Mitstreiterin Zupke, mit Blick auf die Wahlen in diesem Jahr, es sei wichtig, wählen zu können und zu gehen. Und fügte hinzu, dass er neben rechten Parteien auch die aus der SED hervorgegangene Partei Die Linke für weiterhin „unwählbar“ halte. In deren zweiter Reihe „sitzt noch die alte Garde“, behauptete Müller tatsächlich.

Ein ähnlich eigenartiges politisches Urteilsvermögen hatte die einstige Aktivistin Zupke am selben Tag, Stunden vorher, in einem Interview mit dem Sender „Deutschlandfunk“ gezeigt. Dessen Moderator hatte sie gefragt, was sie von den Ideen des Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert halte, Konzerne wie BMW zu kollektivieren – obwohl es um die DDR-Kommunalwahl vor 30 Jahren ging. Zupke sieht solche Gedanken als „Verhöhnung weiter Teile der Gesellschaft der ehemaligen DDR“. Sie wollte Kühnert am liebsten „ein Ticket nach Venezuela, Nordkorea oder Kuba schenken, damit er sich ein Bild machen kann über die realen Konsequenzen seiner Fantasien“.>

Links:

Die Abwicklung unter Kohl ab 1989 - Ostdeutschland wurde voll verkohlt: Untergang der DDR-Wirtschaft ab 1990: Unvermeidbar oder politisch gewollt?
Vor 30 Jahren in der DDR: Außer „Mauerfall“ nichts gewesen?
Ein Comic auf Zeitreise: 750mal „Mosaik“ – aus der DDR in die weite Welt
Zentrum „Aufbruch Ost“ statt „DDR-Museum“ – Kommission plant Jubiläen von 1989 und 1990

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10.5.2019: Die politischen Opfer in der DDR sind vergessen:
Vergessen mit System: Opfer des SED-Regimes kaum noch im Bewusstsein der Deutschen präsent


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8.7.2019: Honecker fuhr West-Autos - Citroën CX mit 15cm Höhendifferenz - für 80.000 Euro zum Verkauf ausgeschrieben:
Honeckers „Nobelhobel“ zum Verkauf
https://de.sputniknews.com/panorama/20190708325401243-honeckers-auto-verkauf/

<Die DDR-Staatsführung ist Westauto gefahren; ab 1985 ließ sich Generalsekretär Erich Honecker in einem Luxus-Citroën herumchauffieren. Nun ist dieses Einzelstück generalüberholt zu haben – für einen stolzen Preis.

80.000 Euro will der Verkäufer aus Wittingen auf einem großen Gebrauchtwagenportal im Internet für die Honecker-Limousine haben. Normalerweise bekommt man maximal 10.000 bis 20.000 Euro für einen Citroën CX. Allerdings hat auf den Polstern dieses Wagens vier Jahre lang das Staatsoberhaupt der DDR Platz genommen. Das hat seinen Preis. Wenn man bedenkt, dass eine ZIL-Limousine des sowjetischen Langzeit-Staatschefs Leonid Breschnew für 188.000 Euro verkauft wurde, scheint der Preis für den Honecker-Schlitten angemessen. Zumal der Verkäufer den Wagen für sage und schreibe 59.000 Euro in einer auf Citroën CX spezialisierten Reparaturwerkstatt umfangreich restaurieren ließ.

Kult-Autos für Joint Venture

Abgesehen von der weichen, eleganten Polsterung und dem markanten Design ist der CX wegen seiner Hydraulik Kult. Beim Anlassen des Motors hebt sich die gesamte Karosse erst vorn und dann hinten langsam um ganze 15 Zentimeter. Beim Parken liegt der Wagen also tief wie ein Porsche; beim Fahren meistert das Auto jedoch jedes Schlagloch, von denen es viele gab auf DDR-Straßen.

Citroëns Generaldirektor schenkte persönlich bereits 1978 der DDR-Führung zwei exklusive Citroën CX. Hintergrund war, dass der französische Autoproduzent damals ein Joint Venture mit der DDR unterzeichnet hatte, um ein Gelenkwellenwerk in der DDR zu betreiben. Bis zum Mauerfall 1989 kamen jedoch nur DDR-Diplomaten in den Genuss, einen Citroën zu fahren.

„Spitzenerzeugnis der französischen Industrie“

Die Geschichte des Wagens wird von dem Verkäufer ausführlich dokumentiert und belegt. Honeckers Staats-Citroën stammt aus dem Jahre 1985 und hat gerade einmal 68.000 Kilometer auf dem Tacho. Auch die Ausstattung ist für damalige Verhältnisse top: Automatikgetriebe mit 136 PS, ABS, elektrische Fensterheber, elektrisch verstellbarer Seitenspiegel, Leichtmetallfelgen, Nebelscheinwerfer, Servolenkung, Tempomat und Zentralverriegelung, Klimaanlage.

Der Staatsratsvorsitzende soll begeistert gewesen sein vom Citroën CX  und bedankte sich bei den westlichen Handelspartnern für dieses „Spitzenerzeugnis der französischen Industrie“.

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19.7.2019: Mauberbau 1961: Eine Mauer ist besser als ein Krieg - "Wiedervereinigung" 1989: Gorbatschow hat die DDR-Kommunisten an Kohl verraten:
Ehemaliger KGB-Offizier: Die geheimste Aktion in der DDR-Geschichte
https://de.sputniknews.com/gesellschaft/20190719325468493-geheimste-aktion-ddr-geschichte/

<Natalia Pawlowa

Im Fachjargon „Der Deutsche“ genannt, unternahm der sowjetische Geheimdienstler Georgi Sannikow zweimal langfristige Dienstreisen nach Deutschland. Im Gespräch mit Sputnik berichtete er über Ereignisse, die er während des Baus der Berliner Mauer und des Mauerfalls miterlebt hat.

Als Veteran des Auslandsnachrichtendienstes beteiligte er sich als Jugendlicher nach dem Zweiten Weltkrieg an der Zerschlagung des Bandera-Untergrunds in der Westukraine und gewann dann als Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes wichtige Informationen über Westdeutschland. In Berlin war Sannikow bereits während der Errichtung der Mauer, die die Stadt teilte. So denkt er an jenen Tag zurück:

[Der Mauerbau 1961]

„Am Morgen des 12. August 1961 rief uns der Botschafter zusammen und sagte, dass heute Nacht die Sektorengrenze gesperrt werde. Er warnte, dass wir weder unseren Ehefrauen noch unseren deutschen Freunden etwas sagen dürften. Im Falle eines Informationsverlustes würden Maßnahmen getroffen bis hin zum Abzug in die Heimat. Das war für uns keine Überraschung, Gerüchte über die Grenzsperrung waren schon seit mehreren Jahren im Umlauf. Man befahl uns, alle Verabredungen für den Abend abzusagen und nicht nach Westberlin zu gehen.“

Sannikow hatte an jenem Abend eine Verabredung mit der lebenden Legende Moritz Mebel. Sie wollten schon seit langem mit ihren Ehefrauen in ein Lokal gehen, das fast immer voll ausgebucht war, und hatten schon Tickets für eine Nachtshow besorgt; deshalb beschlossen sie, das Treffen nicht abzusagen. Obwohl beide sehr gute Freunde und absolut aufrichtig miteinander waren, erzählte Sannikow damals nichts über die bevorstehende Aktion. Sie war um 24 Uhr geplant, und eine Stunde vor Mitternacht verließ er mit seiner Ehefrau unter irgendeinem Vorwand das Lokal.

Die Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland war unterdessen voll einsatzbereit für den Fall, dass sich die Situation zuspitzt, aber die Grenzsperrung verlief ungestört.

„Um 12 Uhr nachts kamen zur Trennungslinie Militärlastwagen der Nationalen Volksarmee der DDR mit Mitgliedern der Kampfgruppen, mit Vertretern der ostdeutschen Arbeiterklasse. Polizeiwagen standen entlang der Trennungslinie, es kamen Streitkräfte der DDR. Ohne Trubel und Hektik begannen sie, entlang der westlichen Sektorengrenze Berlins den Stacheldraht, die sogenannte Bruno-Spirale, zu verlegen. Es wurden auch Betonpfeiler montiert. Diese Spirale wurde übrigens in Westdeutschland gekauft. Der Westen hat sich also indirekt an der Aktion beteiligt.“

Laut Sannikow war das die geheimste Operation in der DDR-Geschichte. West-Berlin war ein Dorn im Herzen der DDR und fügte der jungen Republik und dem ganzen sozialistischen Lager einen enormen wirtschaftlichen und politischen Schaden zu.

[DDR-Menschen stimmten mit den Füssen ab]

„Der Flüchtlingsstrom in den Westen war ungeheuer. Vom Oktober 1949 bis August 1961 hatte die DDR drei Millionen Bürger verloren, die weniger aus politischen, als vielmehr aus wirtschaftlichen Gründen nicht in dem sozialistischen Land bleiben wollten. 1953 sind über Berlin etwa 300.000 Menschen in den Westen geflohen, darunter Ingenieure, Lehrer, Ärzte und Wissenschaftler. Die Verluste für den Staatshaushalt der DDR betrugen jährlich über fünf Milliarden Mark. Die Offene Grenze mit West-Berlin führte zu Sabotageakten und Spionage.”

[Kennedy meint, eine Mauer ist besser als ein Krieg - Willy Brandt soll "ruhig schlafen"]

Sannikow denkt an eine Episode zurück, die damals in aller Munde war. Als die Grenze gesperrt wurde, weckte der Regierende Bürgermeister von West-Berlin, Willy Brandt, den US-Präsidenten John F. Kennedy und erzählte ihm über die Ereignisse. Letzterer fragte, ob auch russische Panzer an der Grenze stehen würden. Nein, antwortete Brandt. Darauf sagte Kennedy: Na, dann können Sie ruhig schlafen. Eine Mauer ist besser als ein Krieg.“

[1970-1971: Berlin-Verhandlungen]

Zu jener Zeit war Sannikow in der Westberliner Pressegruppe tätig. Zehn Jahre danach beteiligte er sich 1970-1971 als Presseattaché der Delegation des Außenministeriums der UdSSR an den vierseitigen Verhandlungen über West-Berlin – den ersten Verhandlungen zwischen der Sowjetunion und den Anti-Hitler-Koalitionspartnern USA, Großbritannien und Frankreich.

["Wiedervereinigung" Deutschlands 1989: Gorbatschow hat die Kommunisten in der DDR an Kohl verraten]

In seinem letzten Buch: „Durch den Krieg gehärtet. Die Illegalen“, das 2018 den ersten Preis des Auslandsgeheimdienstes erhielt, geht es unter anderem um die Wiedervereinigung Deutschlands. Die sowjetische Staatsführung hatte sich faktisch von den Ereignissen zurückgezogen. Die Wiedervereinigung der DDR und der BRD sei im Fahrwasser der westlichen Politik verlaufen, und Gorbatschow habe seine DDR-Verbündeten verraten, sagte Sannikow.

„Während der Wiedervereinigung Deutschlands (bei uns wurde das Übernahme genannt) hatte DDR-Staatschef Erich Honecker Gorbatschow persönlich darum gebeten, dass die verstaatlichten Betriebe auf dem ostdeutschen Territorium bleiben und weiter funktionieren, dass das Offizierskorps des DDR-Nachrichtendienstes und der DDR-Streitkräfte nicht verfolgt wird. Es wurde weder das eine noch das andere erfüllt. Honecker bat Gorbatschow, dieses Thema mit Helmut Kohl zu besprechen, aber Gorbatschow hat es nicht einmal in den Raum gestellt. Mehr noch. Auf die Frage von Kohl, was er mit den ostdeutschen Kommunisten tun soll, antwortete Gorbatschow: „Ich überlasse es Ihnen.“ Dann begann die Hexenjagd.“

Der Oberst des Geheimdienstes a.D., Georgi Sannikow, wurde im März 90 Jahre alt. 1977 hatte er sich ins Zivilleben zurückgezogen und widmete sich dem literarischen Schaffen.>

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25.7.2019: Soziologe Winkler ist im Himmel:
Bis zuletzt mit Ostdeutschland verbunden – „Sozialreport“-Herausgeber verstorben


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26.7.2019: Mauerflucht soll als Trauma entschädigt werden - geht das?
„DDR-Grenzsicherung war rechtmäßig“ – Jurist widerspricht Leipziger Gericht


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13.8.2019: Mauerbau 1961 und die verschwiegenen Gründe: Kennedy drohte mit Atombomben und verhinderte eine gute Lösung für ALLE Berliner:
Mauerbau 1961: Was Ulbricht wirklich wollte und was der Westen verschweigt – Historiker
https://de.sputniknews.com/gesellschaft/20190813325602840-mauerbau-was-westen-verschweigt/

Fototext: Der Historiker Prof.Siegfried Prokop

<Tilo Gräser

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Dieser berühmte Satz des DDR-Partei- und Staatschefs Walter Ulbricht aus dem Jahr 1961 ist 30 Jahre nach der Maueröffnung 1989 wieder überall zu lesen und zu hören. Im Interview erklärt der Historiker Siegfried Prokop, was es damit auf sich hat und warum die Mauer doch gebaut wurde.

Professor Prokop, am 13. August jährt sich der Bau der Berliner Mauer zum 58. Mal. In Ihrem Buch „‘Die DDR hat‘s nie gegeben‘“ haben Sie einen Text zur Frage „War die Mauer vermeidbar?“ veröffentlicht. Welche Antwort haben Sie?

Ja, natürlich war sie vermeidbar. Es gab damals das Vorhaben, einen Friedensvertrag mit der DDR abzuschließen, wenn möglich durch alle vier Alliierten. Dafür hatte die Sowjetunion 1958 eine Note überreicht. Sie war auch bereit, einseitig mit der DDR einen Friedensvertrag abzuschließen. Das wäre denkbar gewesen, weil ja Japan und die westlichen Alliierten auch einen  separaten Friedensvertrag abgeschlossen hatten, unter Ausklammerung der Sowjetunion. Das hätte bedeutet, dass die DDR die volle Lufthoheit über ihr Territorium bekommen hätte. Das heißt, alle Flugzeuge, die nach West-Berlin fliegen wollten, hätten die Genehmigung der DDR gebraucht bzw. hätten auf dem Flugplatz der DDR, in Berlin-Schönefeld, landen müssen und wären der Kontrolle der DDR-Behörden unterworfen worden, so wie das allgemein üblich ist. Das war die Politik, die zwischen Walter Ulbricht und Nikita Chruschtschow abgesprochen war. Das galt von Juni 1961 bis Ende Juli 1961.

Dann gab es da eine einseitige Veränderung. Das ist heute nicht alles vollends schlüssig vom Historiker nachzuvollziehen, weil einige dieser Akten im Nato-Bereich noch immer gesperrt sind. Es gibt genügend belegbare Hinweise, dass John McCloy als Sonderbotschafter von US-Präsident John F. Kennedy Ende Juli 1961 Nikita Chruschtschow im Urlaub am Schwarzen Meer besucht hat und dass dort Entscheidungen in eine andere Richtung fielen. Diese andere Richtung ergab sich daraus, dass offenbar ein Geheimultimatum übermittelt worden ist. Über das berichtet Franz Josef Strauß in seinen Memoiren. Danach sollte im Fall eines separaten Friedensvertrages und der Übertragung der Lufthoheit an die DDR eine US-amerikanische Atombombe auf ein sowjetisches Objekt in der DDR abgeworfen werden. Da hat dann Nikita Chruschtschow gesagt, das wäre zu gefährlich, es gebe jetzt nur noch die Land-Lösung. Das hieß zunächst einmal, dass in kürzester Zeit eine Abtrennung von West-Berlin vorbereitet werden musste und mit Stacheldrahtzaun erfolgt.

Diese ganze Geschichte wurde Ulbricht bei der Konferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien der sozialistischen Länder in Moskau vom 3. bis 5. August 1961 übermittelt. Darüber gibt es einen ganz klaren Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ vom 29. November 1961. Das kann jeder nachlesen, obwohl es jetzt vom Westen ständig verleugnet wird. Da hat es einen Zusammenstoß zwischen Walter Ulbricht und Nikita Chruschtschow gegeben. Ulbricht war gegen eine solche Land-Lösung.

Warum kam es dann doch zu dieser Grenzschließung, die später zu einer Mauer wurde?

Das ist in Moskau von den sozialistischen Ländern, die im Warschauer Vertrag waren, entschieden worden, dass eine solche Land-Lösung erfolgt. Nikita Chruschtschow hat ganz klar gesagt, die Entscheidung sei gefallen, es werde eine Land-Lösung geben, und das müsse die DDR als Bündnispartner im Rahmen des Warschauer Vertrages wohl oder übel verwirklichen. Ulbricht war sehr strikt dagegen, auch mit der Begründung, dass, wenn die DDR solch eine Lösung macht, sie dann wahrscheinlich längere Zeit international nicht anerkannt wird. Damit hat er Recht gehabt. Das war ja eine große Bremse gegen die weltweite völkerrechtliche Anerkennung der DDR, die ja dann noch über ein Jahrzehnt brauchte. Ulbricht war, wie dann später auch Paul Oestreicher, der Journalist aus London, bezeugt hat, auch noch ein, zwei Jahre nach dieser Lösung sauer auf Nikita Chruschtschow.

Dieser Paul Oestreicher sagte 2016 bei einer Predigt in Potsdam unter anderem, dass bei diesem Gespräch mit Ulbricht 1963 dieser auf die Frage zum Mauerbau gesagt hat: „Ich musste verhindern, dass mein Volk dieses Land verlässt. Mein Staat wäre sonst zusammengebrochen.“ Das klingt so, als wenn Ulbricht die Mauer wollte, damit die Flucht aus der DDR aufhört.

Das hat sicher eine Rolle gespielt, denn die DDR war ja lange mit Reparationen belastet. Sie war der ärmere Teil Deutschlands und hatte das Problem einer feindseligen Insel mitten in der Hauptstadt: West-Berlin, ein Zentrum internationaler Spionageorganisationen mit vielen Abwerbetrupps. Sie war ja in jeder Beziehung durch solche politischen Machinationen in Frage gestellt. Es war ein ganz komplexer Zusammenhang, die Existenz der DDR zu sichern. Es ging darum, eine genaue Kontrolle einzuführen.

Die war aus der Sicht derer, die für die Sicherheit zuständig waren, nicht anders möglich als so unpopulär mit Stacheldraht. Später wurde aus dem Stacheldraht eine Mauer, weil bestimmte Trupps Sabotageakte an der Grenze verübten. Ich kann mich noch an die Knalle erinnern. Ich habe damals in Berlin gewohnt. Ich weiß noch, wie das immer gerumst hat, wenn diese Trupps mit Dynamit Stacheldrahtverhaue in die Luft sprengten.

In dem Buch zitieren Sie Oestreicher, der als Journalist darüber berichtet hat, dass der Westen offiziell gegen die Mauer protestiert, aber inoffiziell Verständnis dafür geäußert hat. Sie zitieren auch William Fulbright, den außenpolitischen Sprecher des US-Senats, der sinngemäß sagte, er wundere sich, dass die DDR nicht längst ihre Grenzen unter Kontrolle gebracht hat. Wie ist das zu bewerten?

Das war die Linie der USA. Kennedy wollte wegen Berlin keinen Krieg. Das war auch bei Nikita Chruschtschow der Fall. Schon damals war klar, dass ein Atomkrieg um Berlin zur Auslöschung des deutschen Volkes führen würde. Das konnte keiner verantworten. Insofern war man auf eine Kompromisslösung aus. Kennedy hat die entscheidenden Voraussetzungen für diese Land-Lösung geschaffen. Die Luft-Lösung wäre für alle Menschen viel besser gewesen. Aber die Land-Lösung eignete sich besser zur antikommunistischen Propaganda. Kennedy hat die entscheidenden Voraussetzungen geschaffen. Es gab früher sechs Essentials der US-amerikanischen Politik, die bis zum Sommer 1961 aufrechterhalten wurden. Aber am 25. Juli hatte Kennedy im US-amerikanischen Fernsehen drei zurückgenommen:

  • die Verbindung zwischen Berlin und der BRD zu gewährleisten,
  • die Freiheit des Zivilverkehrs für Personen und Güter von und nach Berlin,
  • die Freiheit des Inner-Berliner Verkehrs über die Sektorengrenzen hinweg.

Er hat die eigenen Ansprüche auf West-Berlin begrenzt, nicht mehr wie ursprünglich auf ganz Berlin, und beharrte weiter auf den drei Essentials:

  • die Anwesenheit der drei Westmächte in Berlin,
  • ungehindertes Zugangsrecht für alle Sektoren,
  • die Sicherheit und Freiheit der West-Berliner.

Damit hat Kennedy eine friedliche Land-Lösung möglich gemacht. Genau danach entstand der Plan von Nikita Chruschtschow, der dann vom 3. bis 5. August in Moskau von allen Ländern des Warschauer Vertrages beschlossen wurde.

In den Gesprächen mit Hans Kroll, dem westdeutschen Botschafter in Moskau, der in seinen Memoiren darüber berichtet hat, hat Chruschtschow gesagt: „Diese Entscheidung habe letztlich ich ganz allein getroffen. Ulbricht konnte sie nicht treffen, der hatte zu schmale Schultern.“

Aber bis heute wird Walter Ulbricht dafür verantwortlich gemacht …

Das ist die Verlogenheit der Westpropaganda.

Da wird immer der Satz „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ gebracht und das, was er hinterher sagt, wird weggelassen …

… wo es um den separaten Friedensvertrag und die Schönefeld-Lösung ging, die für die Menschen in Ost- und West-Berlin viel besser gewesen wäre. Die bessere Lösung ist von Kennedy mit dem Ultimatum, eine Atombombe anzudrohen, unmöglich gemacht worden.

Ich hatte bereits nach dem Gespräch vor zwei Jahren mit Herbert Graf, einem ehemaligen Mitarbeiter von Walter Ulbricht, den Eindruck, dass eigentlich der Westen an der Mauer schuld ist.

Ja, es hätte keine Mauer gegeben. Sicher hätte es zwischen den Alliierten Vereinbarungen geben müssen, wie das in Berlin zu regeln ist. Man kann nur darüber spekulieren, was dabei herausgekommen wäre. Ich nehme an, dass die Westmächte ihre Flughäfen in Gatow und Tegel usw. als Militärflughäfen hätten behalten können. Aber die West-Berliner hätten über Schönefeld unter DDR-Kontrolle ausfliegen müssen. Das wäre viel besser gewesen als eine Mauer. Das ist vom Westen verhindert worden. Das wird jetzt in der Propaganda völlig außen vor gelassen. Da wird ein wesentlicher Fakt verschwiegen...

… dass seitens der westlichen Alliierten das Ziel, unbedingt mit West-Berlin diesen berühmten „Stachel im Fleisch des Sozialismus“ behalten zu können, auch um den Preis eines Atomkrieges angestrebt wurde?

Sie sahen das als destabilisierendes Moment gegenüber dem gesamten Sozialismus an. West-Berlin hatte auch in Richtung Polen eine bestimmte Rolle, auch in Richtung Ukraine und Tschechoslowakei. Die DDR unterlag einer massiven ideologischen Diversion, einem psychologischen Krieg, Tag für Tag.

Am 13. August und dann auch zum 30. Jahrestag des „Mauerfalls“ wird immer wieder zu hören sein: Die Kommunisten waren schuld, Walter Ulbricht war schuld, usw. Wer hat Schuld an der Mauer, wenn sich das so sagen lässt?

Die entscheidende Weichenstellung war das Atombomben-Ultimatum Kennedys. Das machte die Schönefeld-Lösung und die Luft-Lösung unmöglich. Die Land-Lösung war die, die Nikita Chruschtschow innerlich auch nicht wollte. Er hat auch gesagt, das wird nicht dauerhaft bestehen bleiben, nur so lange, wie die Ursachen dafür bestehen, wird es die geben. Es war für die Menschen, vor allem für die Berliner, eine sehr schlimme Lösung. Sie hat Familien getroffen und Opfer gekostet: die Mauer-Toten, die es auf beiden Seiten gab, auch die DDR-Grenzsoldaten, die von West-Berliner Seite erschossen worden sind. Die werden ja im Westen immer vergessen. Aber es gab keine besseren oder schlechteren Toten. Das waren Opfer des Kalten Krieges.

Lässt sich sagen: „Der Westen hat sich durchgesetzt und die Mauer hat den Atomkrieg verhindert“?

Natürlich. Das war eine der gefährlichsten Zeiten, weil auch beide Seiten sich noch nicht voll im Klaren über die Konsequenzen eines Atomkrieges waren wie später. Die Mauer hat eine friedliche Lösung eines Welt-Konflikts möglich gemacht.

Um einen harten Preis …

Aber der darf nicht höher bewertet werden als ein Atomkrieg, der wahrscheinlich die Auslöschung des deutschen Volkes bedeutet hätte. In der Geschichte gibt es immer Opfer. Es gibt keine Geschichte ohne Opfer.

Professor Siegfried Prokop (Jahrgang 1940) war von 1983 bis 1996 Professor für Zeitgeschichte am Institut für Geschichte der Humboldt-Universität zu Berlin. 1987 hatte er eine Gastprofessur in Paris, 1988 in Moskau und 1991 in Montreal. Er war unter anderem 1994 bis 1996 Vorsitzender der Alternativen Enquetekommission „Deutsche Zeitgeschichte“, 2003 bis 2005 Präsident des Kuratoriums ostdeutscher Verbände sowie von 2006 bis 2012 Vorstandsvorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg.

Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter „Unternehmen ‚Chinese Wall‘“ (1992/93), „Der 17. Juni 1953. Geschichtsmythen und historischer Prozess“ (2003), „Die Berliner Mauer“ (2009) sowie „‘Die DDR hat‘s nie gegeben‘ – Studien zur Geschichte der DDR 1945 bis 1990“ (2017).

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Mauerbau 1961: Wie die Alliierten die Fundamente bereits 1943 legten


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17.8.2019: Die "La Bohème"-Oppositionskultur in Ost-Berlin:
Die „DDR-Bohème“: Alternatives Leben im Sozialismus
https://de.sputniknews.com/gesellschaft/20190817325618187-ddr-underground-kunst/

Literatur: Buches „DDR-Bohème. Kunst und Gegenkultur im Staatssozialismus“ von Kaiser Paul
Fotos: Subkultur des Sozialismus: Die „DDR-Bohème“ in Bildern

Der Artikel:

<Beata Arnold

Im deutschen Staatssozialismus gab es eine Gegenkultur. Die „DDR-Bohème“. Wer dazu zählte und womit sich diese DDR-Bürger beschäftigten oder vielmehr: nicht beschäftigten, und was aus den nach sozialistischem Verständnis als „asozial“ eingestuften Lebensentwürfen nach dem Mauerfall wurde – Paul Kaiser vom Institut für Kulturstudien im Gespräch.

Versteht man unter Bohème die zornigen Töchter und Söhne einer gesellschaftlich angepassten bürgerlichen Mittelschicht, die gegen ihre Väter und Mütter aufbegehren und so – wie 1968 im Westen – einen kulturellen Wandel einleiten, so erscheint dies mit Blick auf die sozialistische DDR verkehrt.

Denn „das Bürgertum in der DDR, also die klassische bürgerliche Gesellschaft, war selbst Subkultur“, so Paul Kaiser vom Dresdener Institut für Kulturstudien.

Kulturwissenschaftler Kaiser hatte bereits im Jahr 1997 am Deutschen Historischen Museum in Berlin eine aufsehenerregende Ausstellung zu „Bohème und Diktatur in der DDR“ kuratiert, sein 20 Jahre später erschienenes Buch „Boheme in der DDR: Kunst und Gegenkultur im Staatssozialismus“ erlaubt Einblicke in das gesellschaftliche Leben und die Situation jener „Kulturschaffenden“, die dem „real existierenden“ Sozialismus kritisch gegenüberstanden und eigene alternative Lebensentwürfe verfolgten.

Er selbst war recht spät noch Teil dieser Kultur geworden – als Mitglied einer Theatergruppe, hatte die Szene jedoch ab Anfang der 1980er Jahre fasziniert beobachtet und Kontakte geknüpft. Heute gilt Kaiser als der Experte für ostdeutsche Kunst, er war es auch, der die mangelnde Präsenz von DDR-Kunstwerken in den Museen kritisierte und 2017 den sogenannten „Dresdner Bilderstreit“ entfachte. Kaiser ist ein Schwergewicht in der Debatte um eine vermeintliche kulturelle Kolonialisierung Ostdeutschlands unter Vorherrschaft Westdeutschlands.

Das Millieu der Bohème

Es sei einerseits verwunderlich, dass es die „DDR-Bohème“ gegeben habe, und andererseits, in welch facettenreichen Varianten sie ab Ende der 1960er Jahre bestand – von Erfurt bis Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), über Leipzig und Dresden bis hin zum „Mythos“ gewordenen Ostberliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Das seien die Keimzellen für sich später in politischer Opposition wiederfindenden Kulturträger, so Kaiser:

„Diese Gegenkultur war die Überlebensbasis für alle kritischen und dissidentischen Potenziale in der DDR.“

Vom Millieu her eher aus der Mittelschicht stammend, sahen diese oft aus sozialistischen „Intelligenz-Familien“, aus Nomenklatur- und parteitreuen Haushalten, aber auch aus industrieproletarischen oder Angestelltenverhältnissen entspringenden „Bohèmiens“ den Widerspruch im System. Das, was sie vorfanden – den Unterschied zwischen Realität und gesellschaftlichem Anspruch – habe sie ausbrechen lassen wollen. Sie wagten den Ausstieg aus der Familie und dem System. In den großstädtischen Ballungszentren konnten sie eigene, teilweise sogar infrastrukturell selbstgestützte Kulturszenen bilden: Von Zeitschriften über Galerien bis hin zu Festivals. Damit hätten sie im hermetisch abgeriegelten Raum der DDR eine kulturelle Alternative etablieren können – mit großer Ausstrahlungswirkung auf das gesamte Staatsgebiet und Anziehungskraft auf junge Menschen.

Askese und Hedonismus

Dabei sei die ökonomische Komponente zu DDR-Zeiten nicht problematisch gewesen: Erfindungsreich hätten sich die „Bohèmiens“ bei Künstern anstellen lassen oder hätten das als „asozial“ stigmatisierte „Nichtbeschäftigungsrecht“ gewählt. Viele stellten aber auch Dinge her, die in der von Mangelwirtschaft geprägten DDR schwer zu beschaffen waren, wie Lederkleidung oder Keramiken, und konnten so ihren Lebenunterhalt leicht bestreiten – auch vor dem Hintergrund, dass die Lebenhaltungskosten für Studiomieten vergleichsweise gering waren.

Schlimmer sei die „lebensweltliche Seite“ gewesen, nämlich die Stasi, die Repressionsorgane, Kontrolle und Observation von sich abzuwenden – sie schützten sich, indem sie in Ballungszentren gingen, Nebenwohnungen wechselten, in ruinös-verfallende Gründerzeithäuser zogen, wohingegen der DDR-Normalbürger etwa im Plattenbau am Rand der Stadt residierte.

Die DDR-Bohèmiens lebten zwar teils in „Askese“, aber in einer „Welt des Hedonismus“, fasst Kulturwissenschaftler Kaiser zusammen: „In diesem scheinbar totalitären und scheinbar total völlig gleichgeschalteten System existierten durchaus Freiräume, in dem Individualität und Eigensinn möglich waren.“

Die Wende: Anpassung und neue Zwänge 

Die Zeit des Umbruchs – die Wende – erlebten einige als Befreiung und schlugen ein neues Kapitel auf, andere sahen sich nun wiederum mit der kapitalistischen Realität und wirtschaftlichen Zwängen zur ökonomischen Existenzsicherung konfrontiert. Solidargemeinschaften, die in diesen Millieus geherrscht hatten, „atomisierten“ sich nach dem Fall der Mauer – lösten sich in vielfältige soziale Formen auf. Soziale Gruppen implodierten, und die ehemaligen Mitglieder wandten sich „anderen Themen“ zu.

Als Beispiel nennt Kaiser den heutigen Direktor der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger: Er sei seinerzeit als „Dada-rezitierender Performer“ durch die Lande gezogen, habe in verschiedensten Kunstgruppierungen mitgewirkt und ging dann später in die Politik.

Kaiser, Paul: Bohème in der DDR. Kunst und Gegenkultur im Staatssozialismus, 480 Seiten, Dresdner Institut für Kulturstudien, 48 Euro, ISBN 978-3-9816461-5-3.  >

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DDR unter Honecker 25.8.2019: Menschen waren "Ungeziefer", wenn sie im 5km-Grenzstreifen zur BRD wohnten - und wurden zwangsumgesiedelt - "Aktion Ungeziefer" 1952 - Psychoterror gegen Grenzbewohner auch nach der Umsiedlung ohne Ende etc.:
Buch erinnert: Wie die DDR Menschen zu „Ungeziefer“ erklärte und zwangsumsiedelte – Interview
https://de.sputniknews.com/gesellschaft/20190825325645295-ddr-zwangsumsiedlung-buch/

Literatur: Kati Naumann: Was uns erinnern lässt, Harper Collins, 416 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-95967-247-4

<Beata Arnold

Die DDR hat rigoros ihr Grenzgebiet zur BRD gesichert. Dafür hat sie auch massenweise Menschen zwangsumgesiedelt. Ein neuer Roman erinnert an das Schicksal vieler Familien, die ihre Heimat verlassen mussten. Sputnik hat mit der Autorin Kati Naumann über ihr Buch „Was uns erinnern lässt“ gesprochen.

Die Verwaltungsgrenze zwischen den Besatzungszonen Nachkriegsdeutschlands wurde seitens der DDR über die „Demarkationslinie“ zu einer richtigen „Staatsgrenze“ ausgebaut. Diese trennte im Grenzgebiet liegende Gehöfte, Dörfer, Städte, gar Familien. Plötzlich störten im Sperrgebiet lebende Menschen. Staatswillkür unterworfen und schikaniert, wurden viele gar der Heimat beraubt.

[Politische Manöver gegen die Bevölkerung im "Grenzstreifen" - "Aktion Ungeziefer" 1952]

Um sie aus dem auf der Seite der DDR etwa fünf Kilometer breiten Streifen zu vertreiben, wurden viele als „politisch unzuverlässig“ stigmatisiert und zwangsumgesiedelt. Etwa bei der mit dem Tarnnamen „Aktion Ungeziefer“ versehenen Zwangsumsiedlungsoperation zwischen Mai und Juni 1952. Die DDR-Praxis, unliebsamen Personen so beizukommen, dauerte noch bis in die 1980er Jahre an: Bis zu 50.000 Personen sollen schätzungsweise betroffen gewesen sein, erzählt Autorin Kati Naumann im Gespräch mit Sputnik.

Naumann hat zum Thema in der Region des Thüringer Rennsteigs recherchiert „Es war wie eine Schatzsuche“, sagt sie. In Archiven hat sie neben Polizeiverordnungen auch Briefe des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes zur Borkenkäferbekämpfung in Thüringen 1948 oder Berichte an das Ministerium für Staatssicherheit über die Aktionen zu Zwangsaussiedlungen gefunden. Basierend auf den Ergebnissen, Gesprächen mit Zeitzeugen sowie eigenen Erinnerungen hat sie den Roman „Was uns erinnern lässt“ geschrieben, der im historischen Teil die Spanne von 1945 bis 1977 umfasst sowie mit einer Spurensuche im Heute verknüpft ist.

[Fall: Hotel Waldeshöh an der Zonengrenze]

1977: Das Zuhause der vierzehnjährigen Christine Dressel ist das ehemals mondäne Hotel Waldeshöh im Thüringer Wald. Seit der Teilung Deutschlands liegt es hinter Stacheldraht in der Sperrzone direkt an der Grenze. Ohne Passierschein darf niemand das Waldstück betreten, irgendwann fahren weder Postautos noch Krankenwagen mehr dorthin. Fast scheint es, als habe die DDR das Hotel und seine Bewohner vergessen. 2017: Milla findet abseits der Wanderwege im Thüringer Wald einen überwucherten Keller und stößt dort auf einen Schulaufsatz aus den 1970er Jahren, geschrieben von einem Mädchen namens Christine über die Geschichte des Hotels Waldeshöh. Dieser besondere Ort lässt Milla nicht los, sie spürt Christine auf, um mehr zu erfahren.

Frau Naumann, haben Sie persönlich einen Bezug zu Thüringen und der Gegend des Rennsteigs und gab es ein historisches Vorbild für die Protagonisten?

Der Thüringer Wald und das Sperrgebiet der DDR sind Teil meiner Biografie. Ich bin 1963 in Leipzig geboren, habe aber einen Teil meiner Kindheit bei meinen Großeltern in Sonneberg im Thüringer Wald verbracht. Sonneberg war damals Teil des Sperrgebiets der DDR. Das konnte man nicht einfach so betreten. Man musste Passierscheine dafür beantragen, sich bei der Volkspolizei melden.

Familie Dressel steht für alle Familien, die im Sperrgebiet gelebt haben. Christine und Milla habe ich ausgewählt, weil ich zwei Zeitebenen haben wollte. Milla ist die Vertreterin der modernen Zeit, Mitte dreißig, alleinerziehend, hat einen pubertierenden Sohn und fühlt sich einsam. Sie inszeniert sich in sozialen Medien, sucht nach „lost places“, verlassenen Orten. Bei einer solchen Suche stößt sie auf den Schulaufsatz von Christine, die sich darin wünscht, in ihrer Heimat bleiben zu können. Milla ist klar, dass diese Wünsche nicht in Erfüllung gegangen sind, da es das Hotel nicht mehr gibt.

Sie macht sich auf die Suche nach Christine. In dem Moment, wo die beiden Frauen sich begegnen, öffnet sich die zweite Zeitebene in die Vergangenheit: eine Zeit, in der das Hotel, in dem die Dressels lebten, noch steht. Wir erfahren, wie das Leben in diesem Grenzstreifen zu DDR-Zeiten gewesen ist. Christine ist mein Jahrgang. Und ich konnte dadurch alles, was ich an Erinnerungen zur Kindheit und Jugend in der DDR hatte, verarbeiten.

Was ist Menschen wie Christine Dressel widerfahren?

Christine ist in einer Zeit geboren, in der die Mauer schon stand und in der die Grenzsicherung jedes Jahr stärker ausgebaut wurde. Die Menschen dort lebten in Gebieten, die von zwei Zäunen abgetrennt waren vom Rest der Republik. Sie lebten unter Flutlichtanlagen, neben Anlagen für Hunde, die nächtelang bellten. Zudem wurde von staatlicher Seite versucht, das Leben in diesen „Schutzstreifen“ möglichst schwer zu machen, damit sie wegziehen. Diejenigen, die nicht von selbst gingen, wurden als politisch unzuverlässig eingestuft, wurden zwangsumgesiedelt.

["Zwei grosse Aktionen" gegen die Grenzbevölkerung mit Entwurzelung+Psychoterror: 1952 und 1961 - Stigmatisierung als "Verbrecher aus dem Grenzland" - bis kurz vor 1989]

Es gab zwei große Aktionen von Zwangsumsiedelungen: 1952 und 1961. Menschen wurden früh am Morgen aus den Betten geholt, Lkw fuhren vor, in die die Menschen „reingeladen“ und weit weg von ihrer Heimat, in eine andere Ecke der Republik, gebracht wurden. Meist ist ihnen auch die Eingliederung, also die neue Verwurzelung am neuen Wohnort, schwergemacht worden. Denn sie wurden als „Verbrecher aus dem Grenzland“ stigmatisiert.

Die Zwangsumgesiedelten bekamen nicht etwa eine schöne Wohnung oder ein Haus. Sie kamen aus gutgepflegten Bauernhöfen und wurden in verschimmelte Bruchbuden oder eben öffentliche Gebäuden gesteckt, wo sie auch die Schultoiletten benutzen mussten. Diese Zwangsaussiedelungen sind nicht nur in den 1950ern und 1960ern passiert, sondern es gab sie noch bis kurz vor der Wende. Um Sonneberg herum fanden 1984 die letzten Zwangsaussiedlungen statt.

Sie schöpfen aus Biografien von Zeitzeugen. Welche Begegnungen hatten Sie bei Ihren Recherchen vor Ort?

Ich habe mit Menschen gesprochen, die im Sperrgebiet und in der 500-Meter-Zone gelebt haben, die Zwangsaussiedlungen erlebt haben. Einige wollten versichert sein, dass es eine fiktive Geschichte wird und sie nicht selbst als Person im Buch auftauchen. Andere wollten über ihre Erlebnisse überhaupt nicht sprechen und wieder andere waren froh, es erzählen zu dürfen. Es ist Vertrauenssache, denn es ist ein extrem sensibles Thema.

[Die Honecker-DDR verbietet das Thema der Zwangsumsiedlungen von Grenzbewohnern]

Den Menschen war es verboten worden, über die Zwangsaussiedlungen zu sprechen. Wenn man 40 Jahre lang bei Strafe über etwas nicht sprechen darf, dann kann man das nicht einfach so ablegen – es ist ein tief sitzendes Trauma. Sie fragten sich: „Was haben wir denn eigentlich falsch gemacht?“ Denn das waren ja keine Menschen, die bewusst ein Risiko eingegangen sind, wie etwa das Planen einer Republikflucht. Sie wollten nur in ihrer Heimat wohnen, waren unglücklicherweise am falschen Ort. Die Leute, die zwangsumgesiedelt wurden, waren nicht „politisch unzuverlässig“ – sie wurden denunziert, standen im Weg.

[11.000 bis 50.000 zwangsumgesiedelte und terrorisierte Menschen - Rückkauf nach 1989 oft mit Prozessen verbunden]

Wieviele Menschen wurden zwangsumgesiedelt und gibt es Wiedergutmachung?

Offiziell sind zwischen 11.000 bis 50.000 Menschen zwangsausgesiedelt geworden. Die Zahlen schwanken, weil oft Angehörige mitgingen. Einige haben sich diesen Zwangsaussiedlungen durch die Flucht in den Westen entzogen. Die, die aus dem Sperrgebiet zwangsausgesiedelt wurden, konnten zur Zeit der DDR nicht mehr zurück. Nach der Wende bekamen sie die Möglichkeit, ihr eigenes Grundstück zurückzukaufen zum heutigen Verkehrswert, der wesentlich höher ist als seinerzeit.

Oft hatten Offiziere der NVA diese Häuser gekauft. Die Zwangsausgesiedelten konnten ihre Häuser dann gar nicht mehr zurückkaufen. Sie erhielten zwar eine finanzielle Entschädigung, bekamen aber das Haus, dass die Urgroßväter gebaut und in dem die Familie seit Generationen gelebt hatte, nicht mehr zurück. Es gab Versuche, den Betroffenen ihre Grundstücke wieder zurückzugeben. Doch diese Prozesse ziehen sich zum Teil über Jahre oder Jahrzehnte hin, und die Menschen mussten wieder als Bittsteller auftreten. Eine unbefriedigende und deprimierende Situation.

Aber den Leuten, mit denen ich gesprochen habe, ging es meist gar nicht um eine Entschädigung, sondern eher um eine Entschuldigung. Das Unrecht ist nie öffentlich anerkannt und auch nie thematisiert worden. Es wurde totgeschwiegen zu DDR-Zeiten und ist auch jetzt kein Thema.

Die Geschichte muss jetzt erzählt werden – solange noch Zeitzeugen leben. Und Erinnerungen können auch tröstlich sein, da sie uns zu dem gemacht haben, wer wir heute sind. Nur wenn wir die Erinnerung bewahren, vor allem auch solche, wie an die Zwangsaussiedlung, können wir verhindern, dass so etwas wieder passiert.>

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August 1989: Wie ein grenzüberschreitendes Picknick für eine Massenflucht genutzt wurde

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Sputnik-Ticker
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5.9.2019: Die Ausreise von 1989: Das Honecker-Regime wollte Züge über DDR-Gebiet fahren lassen - Widerstand verstärkte sich noch mehr:
Warum DDR-Botschaftsflüchtlinge 1989 ausreisen durften und wer dafür sorgte
https://de.sputniknews.com/gesellschaft/20190905325700309-ddr-botschaftsfluechtlinge-1989/

<Tilo Gräser
Dramatische Situationen haben sich im Sommer 1989 in den BRD-Botschaften in Warschau, Prag und Budapest, aber auch in Ost-Berlin abgespielt. Bis zu mehreren Tausende DDR-Bürger haben damals versucht, über die Botschaften auszureisen. Eine Veranstaltung in Berlin hat am Mittwoch daran erinnert und Hintergründe und Zusammenhänge deutlich gemacht.

Dramatische Situationen haben sich im Sommer 1989 in den BRD-Botschaften in Warschau, Prag und Budapest, aber auch in Ost-Berlin abgespielt. Bis zu mehreren Tausende DDR-Bürger haben damals versucht, über die Botschaften auszureisen. Eine Veranstaltung in Berlin hat am Mittwoch daran erinnert und Hintergründe und Zusammenhänge deutlich gemacht.

Die DDR-Führung hat 1989 beim Umgang mit der Fluchtwelle in BRD-Botschaften in Warschau, Prag und Budapest fast alles falsch gemacht. Sie hat dabei ihre Lage noch verschlechtert: Mit ihrer Forderung, dass die Züge ab Ende September mit den ausreisewilligen DDR-Bürgern über das eigene Territorium in die BRD fahren müssen. Das hat am Mittwoch eine Veranstaltung in Berlin über die sogenannten Botschaftsflüchtlinge 1989 gezeigt.

Foto
von links: P.-C. Bürger (Zeitzeuge), Dr. J. Sudhoff (Ex-Staatssekretär), J. Boysen (Moderatorin), M. Stief (Historiker), R. Kukula (Regisseur)

In dieser sagte Jürgen Sudhoff, Ex-Staatssekretär vom bundesdeutschen Auswärtigen Amt, die Bundesregierung habe damals vermeiden wollen, dass die Züge über DDR-Gebiet fahren. Und die Botschaftsbesetzer in Warschau sollten ursprünglich per Schiff in die BRD gebracht werden. Doch die DDR-Führung habe trotzig darauf bestanden, die Ausreise-Strecke zu bestimmen – und damit die Fluchtwelle und die Proteste im eigenen Land noch verstärkt. „Diese Zugreisen waren mitauslösend für das, was sich im Oktober 1989 in der DDR abgespielt hat“, so der Ex-Diplomat.

Im ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in der Berliner Frankfurter Allee berichteten Sudhoff und Peter-Christian Bürger über das, was sie damals selbst erlebten. Bürger war im Juni 1989 einer der ersten DDR-Bürger, die in die BRD-Botschaft in Prag kamen und in die Bundesrepublik ausreisen wollten. Sudhoff war der Vertreter des BRD-Außenministeriums, der vor 30 Jahren versuchte, in Verhandlungen mit den Regierungen der DDR, der ČSSR, Polens und Ungarns die Probleme zu lösen.

Falsche DDR-Vorschläge

Die beiden sprachen gemeinsam mit dem Historiker Martin Stief von der „Stasi-Unterlagen-Behörde“ (BStU) und dem Filmemacher Ralf Kukula sowie Moderatorin Jacqueline Boysen über den „Weg in die Freiheit“. Der führte 1989 für viele Tausende DDR-Bürger nur noch über die BRD-Botschaften in Warschau, Prag und Budapest, aber auch in Ost-Berlin. Bei der Veranstaltung kamen interessante Aspekte der Ereignisse vor 30 Jahren zutage, die damals den Untergang der DDR beschleunigten und zur übereilten Grenzöffnung am 9. November 1989 beitrugen.

Ex-Staatssekretär Sudhoff berichtete, dass Druck aus Moskau - vom damaligen KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow - die DDR-Führung erst dazu gebracht habe, die Botschaftsbesetzer in die BRD ausreisen zu lassen. Zuvor hätten die Rechtsanwälte Wolfgang Vogel und Gregor Gysi unter anderem in Prag noch absurderweise versucht, die inzwischen Tausende zählenden DDR-Bürger in der BRD-Botschaft zu überreden, zurückzukehren.

Sie sollten dann in der DDR einen regulären Ausreiseantrag stellen. Der werde dann innerhalb von sechs Monaten „wohlwollend“ geprüft, hätten Vogel und Gysi erklärt, berichteten Sudhoff und Botschaftsbesetzer Bürger übereinstimmend.

Hilfe durch Medien und Moskau

Der Ex-Staatssekretär erzählte, was er nach seinem Besuch am 26. September 1989 in der besetzten Botschaft in Prag gemacht habe. Dort hatte er nach seinen Worten den Auftritt von Vogel und Gysi miterlebt. Zuvor habe er ergebnislose Gespräche mit der ČSSR-Regierung geführt, um die Probleme zu lösen. Zu dem Zeitpunkt campierten inzwischen mehr als 5.000 DDR-Bürger in der BRD-Botschaft und auf deren Gelände.

„Ich bin nach Bonn zurückgefahren und habe zwei Dinge gemacht. Als ehemaliger Regierungssprecher kannte ich die ausländische Presse in Deutschland. Ich habe die Bonner Korrespondenten der ausländischen Medien angerufen und habe gesagt: ‚Fahrt nach Prag und filmt, was da am Zaun der deutschen Botschaft los ist, wie die Menschen versuchen, in die Freiheit zu klettern. Da könnt ihr Bilder filmen, die seht ihr nie wieder.‘“

Als Zweites habe er Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher angerufen, der damals zur Uno-Vollversammlung in New York weilte. „Ich habe ihm berichtet, was ich gesehen habe und was die tschechoslowakische Regierung mir gesagt hat, dass da überhaupt nicht irgendeine Bewegung in Richtung auf eine ‚ungarische Lösung‘ zu erwarten war. Die sagten immer: ,Klärt das mit der DDR, wir haben damit nichts zu tun.‘“ Er habe Genscher die Lage der Menschen in der Botschaft geschildert.

DDR bestimmte Zugrouten

Der Bundesaußenminister habe am selben Abend noch den sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse aufgesucht, der ebenfalls in New York war. Genscher habe seinem Amtskollegen aus Moskau alles erzählt, samt der von Sudhoff berichteten Dramatik der Lage. „Schewardnadse hat dann in der Nacht Gorbatschow angerufen und ihm geschildert, was in der Botschaft in Prag los war, die menschliche Lage dort.“

Zwei Tage später habe sich der Ständige Vertreter der DDR in der BRD, Horst Neubauer, im Auswärtigen Amt gemeldet. Das vom DDR-Vertreter gewünschte Gespräch sei dann im Bundeskanzleramt gemeinsam mit Bundeskanzler Helmut Kohl und Genscher erfolgt.

„Wir haben damals versucht, der DDR klar zu machen: ‚Die beste Lösung ist, Ihr lasst die Leute mit dem Zug ausreisen und zwar direkt von Prag nach Westdeutschland. Die DDR in ihrer Status-Dusseligkeit hat das abgelehnt. Die Schiffsreise für die Flüchtlinge in Warschau haben wir nicht erreicht. Dann kam es zu diesen Zugreisen aus Prag über Dresden nach Westdeutschland und aus Warschau über Marienborn nach Helmstedt. Wo die Menschen in der DDR sahen, was passiert war: Die Ausreise der Flüchtlinge aus Prag und Warschau.“

Keine Geldzahlungen für Flüchtlinge

Sudhoff meint rückblickend, diese Zugfahrten und die Ereignisse am Dresdner Bahnhof am 4. Oktober 1989 haben „ganz entscheidend dazu beigetragen, das Regime zu unterminieren, und beigetragen zu dem Mut, der dann im Oktober bei den Montagsdemonstrationen notwendig war“.  Auf eine Nachfrage aus dem Publikum sagte der Ex-Staatssekretär, es habe keine Zahlungen der BRD an die DDR für diese Ausreise der Botschaftsbesetzer gegeben.

„Das war der Druck von Gorbatschow, nach dem Anruf von Schewardnadse. Deshalb ist ja der Neubauer am Samstagmorgen bei mir erschienen. Das hatte mit Geld nichts mehr zu tun. Das war wirklich eine humanitäre Entscheidung.“

Der Ex-Staatssekretär erinnerte sich sichtlich bewegt an die Geschehnisse von vor 30 Jahren. Er fuhr in einigen der Züge mit den Botschaftsbesetzern aus der DDR in die Bundesrepublik mit. Er schilderte die unmöglichen Bedingungen wie nicht funktionierende Toiletten und kaputte Fenster in der Waggons der Deutschen Reichsbahn (DR) der DDR. Und er schilderte die Stimmung und Reaktionen der Flüchtlinge bei den Stopps auf DDR-Gebiet. Er habe als offizieller Vertreter der Bundesregierung versucht, den Menschen zu zeugen, dass sie sicher seien und nichts zu befürchten hätten.

Gründe für die Flucht

„Trotzdem war es für mich die schrecklichste Zugfahrt meines ganzen Lebens“, erinnerte sich Zeitzeuge Bürger bei der Veranstaltung. Er saß in dem ersten Zug, der am 30. September aus Prag in Richtung BRD fuhr. „Diese Gefühle, die ich in diesen Stunden hatte, die kann kein Hitchcock nachfilmen. Das geht nicht.“

Zuvor hatte er berichtet, wie er im Juni 1989 den Weg über die grüne Grenze zwischen DDR und ČSSR nahm, um in die BRD-Botschaft in Prag zu gelangen. Zuvor hatte er bereits wegen eines verratenen  Fluchtversuches 1986 im Zuchthaus Cottbus gesessen. Durch die Amnestie 1987 sei er freigekommen, aber zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden und streng im Alltag kontrolliert worden.

Er habe wie viele andere die DDR verlassen wollen, weil ihm in dem Land „absolut die Selbstbestimmtheit gefehlt“ habe. Das im politischen Sinn „eingeschnürte Leben“ in der DDR habe er als kritischer Mensch, der schon immer alles hinterfragt habe – „das ist auch heute noch so“ –, auf Dauer nicht ertragen. „Kritisches Nachfragen führte dazu, dass man bei den politischen Entscheidungsträgern suspekt war und ganz schnell auf die Seite der Leute gesetzt wurde, die Systemgegner waren.“

Erlösung durch Genscher

Er habe im Frühjahr in den TV-Nachrichten von den ersten DDR-Bürgern in der bundesdeutschen Botschaft in Prag gehört, die dort ihre Ausreise erzwingen wollten. Das sei für ihn, der nach seiner vorzeitigen Freilassung infolge der Amnestie 1987 immer noch flüchten wollte, „wie ein Blitzschlag“ gewesen. Danach habe er bei allen Schwierigkeiten als offiziell Vorbestrafter mit Bewährungsauflagen, darunter ohne richtigen Personalausweis, die Reise nach Prag vorbereitet und angetreten.

Bürger war etwa dreieinhalb Monate in der BRD-Botschaft in Prag und half am Ende mit, die zahlreichen Neuankömmlinge dort unterzubringen und zu versorgen. Er stand hinter Außenminister Genscher als der am 30. September auf dem Balkon des Palais Lobkowicz, der Botschaft, den zu Tausenden dort wartenden DDR-Bürgern erklärte, „Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise möglich geworden ist.“ Die letzten Worte gingen damals im Jubel der Botschaftsbesetzer unter.

Sudhoff und Bürger sind sich damals begegnet und kennen sich bis heute. BStU-Historiker Stief sagte, der Fall Bürgers sei ein extremes Beispiel. Das MfS habe nur bis zu 13 Prozent derjenigen, die einen Ausreiseantrag aus der DDR stellten, mit seinen Mitteln „bearbeitet“. Aber auch wem das nicht geschah, habe allein durch die Bürokratie und persönliche Konsequenzen erlebt, dass die DDR-Spitze die Ausreise möglichst verhindern wollte.

Was das MfS berichtete und wusste

Stief erklärte, dass in den ersten drei Monaten des Jahres 1989 die Zahl der Ausreiseanträge von DDR-Bürgern zugenommen habe. Bis zum Sommer des Jahres seien es rund 160.000 Anträge gewesen. Dazu habe die Ankündigung Ungarns im Frühjahr vor 30 Jahren, die Grenzanlagen zu Österreich abbauen zu wollen, beigetragen. Das MfS habe interessanterweise im ersten Halbjahr 1989 in ihren Berichten an die SED-Führung „fast nichts“ über die Flucht- und Ausreisebewegung weitergegeben.

„Das ändert sich ganz radikal im September. Im Juli gibt es einen ganz spannenden Aspekt: Die Staatssicherheit vermutet Anfang Juli, dass sie im August/September ein großes Problem bei Ausreiseantragsstellern bekommen würden, weil die Bearbeitungsfrist eines Antrages sechs Monate dauerte. Sie wussten schon, dass sie Absagen rausschmeißen werden und dass die Leute dann ‚in nichtsozialistische Einrichtungen‘ flüchten werden – das steht wirklich so drin.“

Aber die tatsächlich eintretenden Botschaftsbesetzungen seien dann nicht in diesen MfS-Berichten an die Parteiführung weitergegeben worden. Stief vermutet andere Kanäle für die Informationen über das Geschehen. Zuletzt habe das MfS seine Berichte überhaupt nicht mehr geschönt und die zunehmend krisenhafte Lage klar beschrieben, so der Historiker. Doch die Führung der SED noch unter Erich Honecker und später unter Egon Krenz reagierte nach alten Mustern – und beförderte so den Untergang des eigenen Landes.

Dankbarkeit und Scham

Der führte zur deutschen Einheit 1990, die für den Ex-Staatssekretär Sudhoff ein „Geschenk der Geschichte“ ist. Das werde 30 Jahre später zu wenig gewürdigt: „Ich bin tief betroffen, dass so viele Menschen in unserem Land nicht anerkennen wollen, dass dies eine großartige Chance der Geschichte gewesen ist.“ Er wünsche sich „ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit“, statt zu hinterfragen, was alles falsch gelaufen sei.

Das sieht auch Zeitzeuge und Ex-Botschaftsflüchtling Bürger so. Wie er heute denkt, zeigte er, als er aus einem Brief der BRD-Botschaft in Damaskus vom 19. September 1989 an das Auswärtige Amt vorlas. Darin ging es um eine Spende eines syrischen Bürgers für die aus der DDR Flüchtenden in den BRD-Botschaften. Die Spende in Höhe von 2.000 syrischen Pfund sei mehr als der damalige Durchschnittsmonatsverdienst eines Syrers gewesen.

Bürger sagte dazu: „1989 spendet ein Syrer für völlig fremde DDR-Flüchtende. 2015 schickt er vielleicht seinen Sohn oder Enkel auf die Flucht vor diesem Krieg da unten. Und der kommt hier an in Deutschland und muss hier miterleben, wie manche, teilweise viele, gegen solche Flüchtlinge hetzen und sie rausschmeißen wollen – dafür schäme ich mich zutiefst.“>

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58 Jahre Mauerbau - Fluchttunnel in die Freiheit – Video

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17.11.2019: China wollte 1989 die DDR retten - Dokument aufgetaucht:

Kommunistische Partei Chinas wollte 1989 in letzter Minute die DDR retten

Die Kommunistische Partei Chinas wollte noch kurz vor dem Mauerfall das "Bruderland DDR" durch eine Entsendung chinesischer Arbeitskräfte vor dem wirtschaftlichen Kollaps retten. Dies wurde nun durch ein brisantes DDR-Schriftstück, das nach 30 Jahren diplomatischer Schutzfrist vom politischen Archiv des Auswärtigen Amtes freigegeben wurde, bekannt. Mehr»

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