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Kartoffel-Geschichte Furche 3.2. Kartoffeldaten querbeet

präsentiert von Michael Palomino 2019

damit gutes Wissen nicht verloren geht

aus: Klaus Henseler: Kartoffelgeschichte: Miszellen und Quisquilien:
https://web.archive.org/web/20120124171522/http://www.kartoffel-geschichte.de/Dritte_Furche/Miszellen-Quisquilien/miszellen-quisquilien.html

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Kartoffeldaten querbeet (Miszellen und Quisquilien)


Dit un dat: Kartoffeldaten

Die Kartoffelerntenin den vier wichtigsten Anbau­ländern zeigten gegenüber den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg einen erheblichen Zuwachs, der z.B. 1929 mehr als 33% betrug. In der Sowjetunion - im Vergleich mit Ruߟland vor dem Ersten Weltkrieg - stieg die Kartoffelernte um mehr als 50% von 20,1 Millionen Tonnen auf 45,8 Millionen Tonnen: In Kiew muߟten Mitte 1996 für ein Kilogramm Kartoffeln einhunderttausend Karbowan­zen bezahlt werden; das sind etwa 9,50 Mark. Die Welternte an Kartoffeln stieg von 148,8 Millionen kg im Jahr 1909 auf 199,5 Millionen kg im Jahr 1929, von denen auf die vier wichtigsten Länder rund zwei Drittel entfielen. Deutschland war 1995 inner­halb der Europäischen Union das Kartoffelland Nummer Eins: Zur europäischen Kartoffel­ernte von 42,4 Millionen Tonnen trug Deutschland mit 9,4 Millionen Tonnen oder gut zwanzig Prozent die gröߟte ­Menge bei.

Die Entwicklung des Kartoffelverbrauchs in Deutschland läߟt sich an den nachstehenden ­Zahlen­ ablesen; er betrug je Kopf und Jahr der Bevölkerung 

                        1850: 119 kg  1875: 198 kg

                        1900: 253 kg  1925: 174 kg

                        1950: 146 kg  1975: 112 kg

                        1980: 81 kg        1990: 75 kg

                        1994: 74 kg       

1999 betrug der Kartoffelverbrauch pro Kopf nur noch 70,6 kg (einschlieߟlich rund 30 kg für Ver­arbeitungsprodukte wie Pommes frites, Snack­produkte und Kartoffel­salat), der Anbau in Deutsch­land belief sich auf rund 11 Millionen to (nach 12,26 Millionen im Jahr 1993), die Anbaufläche beträgt nur noch 297.300 Hektar. Es ist dennoch ein Milliarden-Markt, auch wenn nur rund neun­hundert­undzwanzig Knollen je Bundesbürger und Jahr gegessen werden, auch wenn die Erzeuger nur neun bis zehn Mark je 100 kg erhalten. Etwa sechzig Prozent der Kartoffeln werden vom Erzeuger direkt verkauft; ab Hof bzw. über Märkte werden etwa siebenundzwanzig Prozent verhökert, rund achtundvierzig Prozent gehen über den Handel und fünfundzwanzig Prozent werden über Ge­nossen­schaften als Weiterverarbeiter verkauft. Der Direktverkauf von Kartoffeln ist in Nordrhein-Westfalen am höchsten.

Von 1945 bis zur Währungsreform machten sich die Städter auf, und tauschten bei den Bauern Wertgegenstände gegen Nahrung, insbesondere für das seinerzeitige Hauptnahrungsmittel Kartoffel. In völlig überfüllten »Kartoffel­zügen« fuhren die Menschen zum verbotenen Schwarzhandel auf das Land; von Braunschweig nach Bremerhaven fuhr der sog. Heringszug. Es war eine Wieder­holung der späten 1920er Jahre: In seinen Erinnerungen zitiert René Drommert den Hamburger Aby Warburg, der ihn 1929 auf eine Anzeige aufmerksam macht: »Teppich gegen Kartoffeln und Mehl zu tauschen.«

Raymond Federman schreibt in »Die Nacht zum 21. Jahrhundert« von einem kleinen Jungen, der sich von einem Güterzug in anderen hangelt; aus dem Waggon mit vielen ein­gesperrten Kinder kommt er in einen, der voll ist mit Kartoffeln. Er verschlingt die Knollen roh; als er in seinen ursprünglichen Waggon zurückwill, muߟ er fest­stellen, daߟ der Güterzug abgefahren ist: Dem Jungen bleibt der Transport in ein Konzentrations­lager erspart.

Aber nicht nur die Privatwirtschaft tauschte, staatliche Institutionen wie die Reichsbahn kompensierte Kartoffeln mit Kohle. Deputate waren bis dahin nur im Kohlebergbau, in der Brauereiwirtschaft und in der Land- und Forstwirt­schaft üblich. Unternehmen, die handelbare Produkte her­stellten, führten Personalwarenläden ein, die heute fester sozialer Besitzstand sind. Zu manchen Zeiten wurde auf dem Schwarzmarkt eine Kartoffel gegen eine Zigarette getauscht (vierzehn amerikanische Zigaretten brachten einen Zentner Kohle). Der Nahrungsmittelverbrauch in Deutschland sank von 3113 Kalorien pro Kopf und Tag (1936) auf 1729 im Jahr 1945 (in Berlin); die Kartoffel (mit einem Rückgang von 467 g auf 400 g pro Kopf/Tag) wie auch Mehl (295 g zu 291 g) blieben relativ stabil, während Fleisch, Milch, Fette und Zucker die stärksten Einbrüche verzeichneten. Über die Höfe der Berliner Mietskasernen zogen Bauern und Tandler, die mit einer Bimmel lautstark ankündigten, daߟ sie »Brenn­holz für Kartoffelschalen« tauschen wür­den; Horst Bosetzky in seinem »Roman eines Schlüsselkindes« schildert, was nach einem solchen Ruf erfolgte:
    »Und alle rafften sie nun ihre Eimer und Körbe zusammen und stürz­ten nach unten, dann kam man zu spät, hatte man den Wagen nicht nur bis zur nächsten Ecke hinter­her­zuhetzen, sondern lief auch Gefahr, für seine Schalen nichts mehr zu bekommen. ... Jede Kartoffel­schale wurde sorgsam gesammelt, und jedes Stückchen Brennholz liebevoll in Keller oder Korridor gestapelt, denn es gab nur wenig zum Heizen ... Ohne jede Regung griff sie (die Bauersfrau aus Rudow, d.A.) sich Eimer auf Eimer, Korb auf Korb und kippte die Schalen gegen die Bretter, die in Hüfthöhe Ende und Lehne des Kutscherbocks bildeten.«

Und es gab nie mehr der kaum fingerdicken Kiefernspäne als Kartoffel­schalen abgeliefert worden waren. In einem Haushaltsbuch schreibt Anne Wothe am Anfang des 20. Jahrhunderts, daߟ man Kartoffelschalen in die Bratröhre oder in den Backofen legen solle, sie da trocknen lasse und mit den Trockenschalen am nächsten Tage das Feuer anzünden könne: »Sie brennen so gut wie Stroh, das Holz ersetzen sie freilich nicht.«

Im Mai 1946 bricht die Versorgung der ostdeutschen Bevölkerung (in der SBZ) mit Kartoffeln zusammen. Die im Herbst zuvor von der sowjetischen Be­satzung verordnete Bodenreform (»Junkerland in Bauernhand«) zeigt ihre erste Wirkung.

Erwin Strittmatter über diese Zeit in »Das Jahr der kleinen Kartoffeln«:
    »Das waren jedenfalls Kartoffeln, sechsundvierzig. Das Abgabesoll tat keinem weh. Dach bei Dach standen die Mieten in den Vor­gärten. ... - €'Setzen wir also Bratkartoffeln€' - , sagten wir mit einem nassen Auge. Dann kam wirklich Regen. Ausgiebig Regen. ... Bald ­stieߟen die Blätter dunkelgrün durch die Erde. Die sonnengekochten Pellkartoffeln gruben wir aus. Wir setzen neue für sie ein. Wir hatten genug. Wir konnten es. Es schien alles in der Reihe zu sein. Auch die Sonne schien. Schien viel zu heiߟ für diese Jahreszeit. Das Kartoffelkraut kippte. Unser Bauernherz drohte uns weh zu tun.«

Die Verbraucherpreise für ein Kilogramm Kartoffel betrugen in Berlin (jahresdurchschnittlich)
    1846:         2 Pfennig (2 Taler für ein Scheffel)

    1913:         8 Pfennig

    1917:         15 Pfennig

    1923:         5 Milliarden Reichsmark

    1928:         12 Pfennig

    1931:         8 Pfennig

    1946:        1 Zigarette für eine Kartoffel (das war viel »Geld«)

    1947          20 Pfennig (wenn- €™s denn welche gab)

1949   38 Pfennig Ost in der sowjetischen Besatzungszone

Mitte der 1970er Jahre stieg der Kartoffelpreis so stark an, daߟ man vom »braunen Kaviar« sprach. 1993 muߟte die deutsche Hausfrau für ein Kilogramm Kartoffeln etwas über 80 Pfennig hinlegen, 1994 stieg der durchschnittliche Kartoffelpreis auf 143 Pfennig. Im Jahr 1996 wurden täglich sechzehn Millionen Kilogramm Kartoffeln in Deutschland verzehrt. Zur Preisgestaltung für Kartof­feln ein Wort: Ein Doppelzentner der Sorte Granola bringt dem Bauern 1998 etwa acht bis neun Mark, also vier, fünf Pfennig für das Pfund. Bei Kartoffeln - für das es (noch) keine EU-Marktordnung gilt - entscheidet der End­verbraucher­preis (EVP) des auf­kaufen­den Händlers oder Zwischenhändlers den Abnahme­preis beim Bauern: Verkaufspreis im Markt abzüglich Kosten abzüglich Gewinn­spanne abzüglich Einkaufskosten des Zwischenhändlers ab­züg­lich dessen Kosten und Gewinnvorstellung ergibt den Verkaufspreis des Bauern. Nur die dümmsten Bauern pflanzen Kartoffeln, ist man versucht, zu schreiben.

In einem Interview meinte der Knollenliebhaber Günter Grass, daߟ die Kartoffel lang­weilig werde, wenn sie Brüsseler Normen entsprechen muߟ. Grass spricht auch von dem »Schwellkörper«, der gepellt (ausgezogen) wird.

 
Aus den wenigen prä-columbianischenamerikanischen Kartoffelsorten ent­wickelten sich durch Züch­tung weltweit etwa eintausend Sorten, die Be­stand haben und regelmäߟig angebaut werden. Aber, um ein altes Sprich­wort abzuwandeln: »Man muߟ dreiundsechzig werden, bevor man eine gute findet.«

Das ist auch ein Grund, warum der »Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt« (VEN) die Knolle zum »Gemüse des Jahres 2003« gewählt hat.

Für die Züchtung einer neuen Sorte werden Pflan­zen verwendet, die möglichst viele verschiedene Eigenschaften besitzen; Ausgangsmaterial wurde vor dem Zweiten Weltkrieg aus Mexiko, Guate­mala, Kolumbien, Peru und Chile geholt. Heute liefert das »Centro Internacionale de la papa« bei Lima auf der Basis von etwa achttausend wilden oder kultivierten Kartoffelsorten das Gen­material für die Züchtung neuer Sorten; Hubert Zandstra, der Direktor des Instituts, fordert internationale Anstrengungen zur Züchtung ­neuer resistenter Sorten.

Aus Chorocomayo (am Rio de las Cruzes, Provin­cia Valdivia, Chile) schreibt der aus Ermschwerd stammende Pfarrer Karl Manns am »25.Julius 1853«:
    »Die einheimische Kartoffel, hin und wieder in Wäldern wachsend, hat starke Stengel und an einem Ausläufer bis 2 Fuss neben dem Stocke 1-2 ziemlich grosse Kartoffeln von gutem Geschmacke. Diese wird aber nicht gebaut, sondern ihre civilisirten Schwestern, die aus Europa zurückkommen und meist farbig sind, nicht um des bessern Geschmacks, sondern der grössern Ergiebigkeit willen. Man baut sie am liebsten in Neubruch der Wälder, wo sie vor den Südwinde ge­schützt sind, aber nur ganz grobe Sorten.«

Heinz Brücher hat nach vielen Untersuchungen festgestellt, daߟ die Wild­kartoffel nicht als Urform der Speise­kartoffel angesehen werden kann; ihm gelang es durch Rückzüchtung die ­vermutliche Ur­sprungskartoffel zu kon­struieren (»nur mit dem gebotenen wissen­­schaftlichen Vorbehalt«), die bereits 1914 von den Deutschen Lorentz und Hieronimus entdeckt wurde und später von den deutschen Kartoffelforschern Wittmack und Bitter nach dem französischen KartoffelforscherClaude Verne »Solanum vernei« benannt wurde.

»Solanum vernei« wuchs an den Osthängen der Vorkordillere in 2800 bis 3500 Meter Höhe am Rande der mesothermen Wolkenwaldzone. Es handelt sich um eine kräftige bis 1,50 Meter hohe Pflanze (wir erinnern uns an den Grüblingbaum) mit leuchtend purpurvioletten Blüten und groߟen 3- bis 6paarigen Fiederblättchen. »Solanum vernei« wurde erstmals 1949 aufgrund ihrer guten Resistenzeigenschaften mit anderen Sorten gekreuzt.

Brüchers Untersuchungen zeigen auf, daߟ die Ernährung der Menschen von nur ganz wenigen Nutzpflanzen abhängig ist, die Erdbevölkerung im Grunde genommen mit nur sieben Arten (Weizen, Reis, Mais, Kartoffeln, Gerste, Süߟ­kartoffeln, Yams) ihren Hunger stillt. Achtzig Prozent der heute weltweit erzeugten Pflanzennahrung entstammt einem Dutzend Zuchtgewächsen, darunter fünf Getreide­sorten; diese fünf Getreide­sorten sind erst in den letzten 11.000 Jahren aus insgesamt 56 Wildgräsern kultiviert worden.

Zuchtziele für Kartoffeln sind Kochverhalten, Aussehen und Geschmack, aber auch Transport- und Lagerfähigkeit (runde Kartoffeln - im Gegensatz zu langovalen - zum Beispiel lassen sich technisch einfacher handhaben und sind deutlich weniger stoߟ- und druckempfindlich). In der heutigen Zucht gelten u.a. folgende Zuchtziele: hoher Flächenertrag, hoher Stärkeertrag, hohe relative Virusstabilität, hohe Beschädigungsresistenz, gleichmäߟiger Aufgang, Nematodenresistenz, Schorfresistenz und Unempfindlichkeit gegen Knollen-, und Lager­fäulen.

Uwe Timm (in »Jo­hannisnacht«) erfindet zwei neue Geschmacksrichtungen: gebraten in Olivenöl schmeckt die Knolle­ »spallentig«, in Butter gebraten »krostum­vel«. Und wie schmecken »hos­satige« Knollen?

Auf der auf Anregung des Domänenpächters Brück­mann durchgeführten Kartoffelausstellung 1875 in Altenburg wurden 2644 Kartoffelsorten präsentiert, von denen ein groߟer Teil ihren Ahnen aus Südamerika noch recht ähnlich sah; man konnte Kartoffeln mit gelber, mit roter oder ­blauer Schalen­farbe finden. Ihre Namen lauteten »rote Früh­kartoffel«, »kleine Nuߟkartoffel« oder »gelbe Zapfenkartoffel«. Eine erste Liste Kartoffelsorten hatte Dr. Carl Putsche bereits 1819 aus Wenigen-Jena aufgestellt. Die meisten dieser Sorten sind durch die Krautfäuleepidemie 1845-1848 ausgestorben.

Heute werden weltweit etwa eintausend Kar­toffelsorten an­ge­pflanzt. Auf dem deutschen Markt gibt es mehr als einhundert­undfünfzig Kartoffelsorten (1992: 163 Sorten, davon 110 Speise­kartoffeln) und jährlich kommen etwa acht bis zwölf Sorten hinzu. Etwa ein Drittel sind Speise­kartoffeln, der andere Teil sind Pflanz- und Fabrik-Kartoffeln für die Weiter­verarbeitung (Alkohol, Chips) verwendet.

Auf der Umweltmesse »TerraTec« in Leipzig wurde 1999 Einweggeschirr aus Kartoffeln vorgestellt. Wissenschaftler der Universität Dresden ­haben ein neues Verfahren entwickelt, mit dem die Kartoffeln zu Tellern, Bechern, Tabletts ver­arbeitet werden können. Den Knollen wird bereits auf dem Acker des Frucht­wasser entzogen; zusammen mit Faserstoffen und Flieߟmitteln kommt das Kar­tof­felsubstrat zwischen zwei heiߟen Platten eines sog. Thermoform­gerätes, und bei 180° Celsius entsteht binnen zwei bis fünf Minuten aus rund 80 Gramm Ausgangsstoffen ein dreiߟig Gramm leichter Teller. Die Produkte werden mit einem sog. Ko-Polymer beschichtet, das biologisch abbaubar und rela­tiv wasser­fest ist - dennoch sollte man den ­heiߟen Kaffee nicht zu lange in einem dieser Kartoffelbecher stehen lassen. Weitere Versuche müssen noch angestellt werden, um Teller und Tassen auch geschmacklich zu verbessern, damit diese nach der Mahlzeit (waffelmäߟig) verzehrt werden können.

Am Anfang des 19. Jahrhunderts - so Curt Dietrich - wurden die weiߟen, roten, runden und rauh­schaligen Jakobiner, die gute rote Kartoffel und weiߟe Zuckerkartoffel, die Gurken-, die blaue, die Lerchen- und edle gelbe und rote Nierenkartoffel angebaut. Zur Fütterung des Viehs sei die groߟe Vieh­kartoffel, die Peruvianer, die gute weiߟe, die weiߟe Frankfurter, die englische und die weiߟe rheinische Frühkartoffel verwendet worden. Für die Spiritus­herstellung wären die gute rote, die weiߟe Frankfurter, die Zwitter-, Zwiebel-, die Pfälzer frühe helle rote und die weiߟe rheinische Kartoffel genommen worden. Und auߟerdem gab es noch die lange rote Niere, das weiߟe und rote Mäuschen, der »Preis von Holland« und die weiߟe Niere. Bemerkenswert ist der allgemeine Gebrauch von roten und blauen Kartoffeln - heute aus­gestorben?

Heutzutage sind zu kaufen - je nach Qualität des Händlers - nicht mehr als fünf Sorten, obwohl im Deutschland des Jahres 1998 immerhin 119 ver­schiedene Sorten (zuzüglich sogenannte Ver­edlungs­­kartoffeln für chips und frites und die »Stärkesorten« für den Schnaps) registriert sind. In der Markthalle in Funchal auf Madeira werden mehr Kartoffelsorten angeboten als in ganz Deutschland zu finden sind. Von rund zweitausend bekannten Apfel- und Birnensorten findet der Verbraucher nur noch etwa dreiߟig in den Regalen deutscher Super­märkte.  Von der Zierde kurfürst­licher Gärten zum 12,5-Kilo-Sack  aus dem Supermarkt zum Preis von drei Euro 49!

Die mehlig­kochende »Bintje« und die gleichfalls mit  hollän­discher Gülle  getränkte »Prinzess«  verdrängen durch ihren Schleuder­preis die guten Sorten. In Saudi-Arabien wird seit den 1970er Jahren gleichfalls diese Knolle angebaut; Reich­tum schützt bekanntlich nicht vor schlechtem Ge­schmack. Im übrigen benötigt diese Kartoffel fünfmal mehr Pesti­zide im Anbau als andere Knollen, da sie extrem krank­heits­anfällig ist und nur blüht und gedeiht, wenn die niederländische Chemie­keule (zehn Millionen Kilo Gift im jährlichen Kartoffelanbau der Niederlande) geschwungen wird. Forscher am Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena um Peter Vitousek er­rechne­ten 1998, daߟ mehr als die ­Hälfte des künstlichen Düngers, die der Mensch in seiner Geschichte genutzt hat, seit 1984 auf die Felder gebracht wurde.

Nur sieben Sorten machen etwa zwei Drittel des Umsatzes in Deutschland aus. Das Problem des Verschwindens von Sorten ist nicht nur bei »üb­lichen« Nah­rungsmitteln zu finden: Noch bis in die 1950er Jahre wurden etwa einhundert­fünfzig unterschiedliche Arznei- und Gewürz­pflanzen auf deutschen Feldern und Beeten an­gepflanzt; zwei Drittel dieser Arten werden heute nicht mehr kulti­viert. Von 170.000 Hektar, die mit nachwachsenden Rohstoffen bepflanzt werden, entfallen rund 130.000 Hektar auf Raps - nur etwa ein­tausend Hektar auf ursprüngliche Arzneikräuter. Aber Sie­beck irrt sich: Im Lande Brandenburg sind immer noch die alten Sorten zu haben: Arkula, Kara­top, zwischen gibt es diese Sorte wieder zu kaufen: als »Bamberg-Hörndl« oder »Bamber­ger Hörnchen«. »Die Beliebtheit der faden, mehligen Kartoffel, die gemein­hin in Bratentunke zermatscht wird, ist nicht gerade ein hoffnungsvolles Indiz.« Recht hat er, obwohl gequetschte Kartoffel in einer schönen Soߟe schon - €˜was Feines ist.

Eine ähnliche Situation ist bei anderen landwirtschaftlichen Produkten festzustellen: Von rund fünfzig eingetragenen Gerstensorten in der Bundes­republik werden auf rund zwei Drittel der Anbaufläche lediglich vier Sorten verwendet; bei Hafer und Weizen ist die Situation vergleichbar. In Indien kom­men heutzutage nur dreiߟig Getreide­sorten auf einen Markt, der vor weniger als fünfzig Jahren noch von einer Vielfalt von über fünfzigtausend Sorten beherrscht war; in China wurden in den 1940er Jahren noch etwa zehntausend Weizensorten angebaut - in den 70er Jahren sind es nur noch etwa vierzig. Bei den Legehennen in Europa bestimmen zwei Zucht­popula­tionen den Eiermarkt. Und angeblich alle Bambuspflanzen in Europa sollen vor etwa einhundert Jahren von ­einem einzigen Gewächs geklont sein und werden nach ihrem (wahrscheinlich) gleichzeitigen Blühen gemeinsam eingehen. Mehr als neunzig Prozent der Kohl-, Mais- und Erbsensorten, die im ver­gangenen Jahr­hundert in den Vereinigten Staaten kultiviert worden waren, sind zwischen­zeitlich vom Feld ver­schwunden.

Supermärkte haben eine Entwicklung zur Spe­zia­lisierung unserer Ernährung beschleunigt, die in den Anfängen des landwirtschaftlichen Zeit­alters begonnen hat. Die Auswahl der Nahrungsmittel wird von Jahr zu Jahr geringer. Wir leben in einer Welt, in der die gelbe Rübe, die Möhre, mit abgerundeter Spitze gezüchtet wird, damit sie kein Loch in die Einkaufstüte reiߟt und acht Tomaten ein Kilo ergeben sollen; amerikanische Kinder glauben, daߟ Fischstäbchen im Meer schwimmen und dort gefangen werden. Im deutschen Saatgutverkehrsgesetz vom 1. Juli 1968 ist bisher dennoch keine Klausel. Um in den Genuߟ des Sortenschutzes, der dem Patentschutz entspricht, zu kommen, muߟ sich eine Züchtung zunächst  einmal als wirklich neu er­wiesen haben. Drei Jahre lang wird sie an mehr als zehn verschiedenen bundes­deutschen Stellen ausgepflanzt und auf das Verhalten der spezifischen Eigen­schaften geprüft. Erst dann erhält der Züchter die Lizenz zum Vertrieb des Pflanzgutes. Die Entwicklung einer neuen Sorte dauert etwa zehn Jahre. Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderten die Kartoffelzuchtfirmen von der östlichen Elbseite in die Lüneburger Heide und nach Schleswig-Holstein.

Ein Telegramm an Generalfeldmarschall von Hindenburg vom 19. Februar 1917 zeigt Mühsal, aber auch verständliche Freude, über die Züchtung einer neuen Kartoffelsorte:
    »Eurer Excellenz melden wir gehorsamst, daߟ die neu gezüchtete Kartoffelserie des Herrn Kamecke-Streckenthin  - €șHindenburg- €č  den Sieg errungen hat gegenüber 19 anderen Sorten im Durchschnitt der 30 über das Deutsche Reich verteilten Versuchsfelder mit dem glänzenden Ertrage von 279,1 Doppelzentner und darin 50 Doppelzentner Stärke für das Hektar. Die Heimarbeit der deutschen Landwirtschaft hat nicht geruht. Die unter Führung von - €șHindenburgs- €č wieder steigende Kartoffelernte sichert die Ernährung für Volk und Heer.

    Für die deutsche Kartoffelkulturnation des Vereins der

    Spiritusfabrikanten in Deutschland am Institut für Gärungszwecke,

    gez. A. Säuberlich    M. Delbrück C. v. Eckenbrecher«

Betriebswirtschaftlich ist der Kartoffelanbau auch heute noch günstig für die Verteilung der Ar­beiten. Die Bestellung braucht erst nach dem Getreide vor­genommen werden und ist - wie die Ernte - nicht termingebunden. Abgesehen von den Leguminosen ist die Kartoffel eine der besten Vorfrüchte. Die Kartoffel wird daher als Kultur­bringe­rin (nicht nur in der deutschen Kartoffelkulturnation) und -trägerin der Fruchtfolgen der leichten, sandigen Böden bezeichnet. Keine andere Bodenfrucht bringt im Hinblick auf die breiten Ver­wertungs­möglich­keiten so hohe Nährwerte hervor.

Fast alle Kartoffelsorten tragen heutzutage Frauen­namen: Nicola, Sieglinde, Carola, Cosima, Desiré, Christa, Gloria, Clivia, Irmgard, Nicola und Maja. Anfang dieses Jahrhunderts trugen Kartoffelsorten schlichte Namen wie »Böhms Erfolg«, »Wohltmann 31«, »Vater Rhein«, »Geheimrat Haas«, »Hassia«, »Hinden­burg« (gab sich auch dafür her), »Industrie«, »Imperator« (hat den Kaiser gefreut) und »Jubel« (nach Sedan). Curt Dietrich zitiert Victor Dürfeld mit seiner langen Liste von Kartoffel­varietäten: Fausts echte 6 Wochen Niere, Alberts frühe Holländische Samenkartoffel, Pariser Treib­kartoffel, frühe feine Italiener, Prager frühe runde, Lange 6 Wochen Kartoffel mit rotem Kopfe, Echte graue Lerche, Hoheitskartoffel, Sächsische weiߟfleischige Zwiebel, Kreuz- und Netzkartoffel, Lercheneier, Holländer Blaublüte, Schwarze Salatniere, Tannenzapfen, Hollän­dische Prinzess­kar­tof­feln, Riese von Marmont, Hamburger Blauauge, Kleine weisse Mandel, Zwickauer 40 knollige, Mag­nifix, Erektiflora (!), Schnee­flocke, Kopsels weisse Rose, Comptions Surprise, Blaue Hummelshaier, Erste von Nassengrund, Schönheit von Hebron und noch etwa zwei Dutzend andere Sorten; manche Kartoffelbezeichnungen erinnern an die Namen von Dackel aus Gergweis.

Die Westdeutschen bevorzugen »Han­sa« und »Gra­­nola«, wäh­rend die Ostdeutschen immer noch vorwiegend ihre ein­heimischen Knollen namens »Adretta« und »Liu« pellen; die Vollendung der deutsche Einheit wird an der Kartoffel womöglich scheitern. In den 1960er Jahren gab es noch Kartoffeln mit den schönen Namen Antinema, Anita, Delos, Barima, Benedetta, Capella, Carla, Humalda, Oberarnbacher Frühe, Ostara, Rhein­hort, Thyra, Climax, Heiko, Pamir, Risa, Ali, Bodenkraft, Erd­kraft, Aga, Cobra, Saphir, Utila, Susanne, Tasso, Wanda. Sind alle weg. Dafür heiߟen neue Kartoffelsorten jetzt Sonate, Beluga, Melina, Salomé, Kolibri, Acapella, Karatop, Apart, Valisa oder Karlena.

Weil nur Neuzüchtungen für die Samen­händler Geld bringen: Unternehmen wie Shell und Novartis haben seit 1970 weltweit mehr als eintausend Saatgutfirmen übernommen; AgrEvo, eine Tochtergesellschaft von Hoechst und Schering, besitzt in Deutsch­land drei Saatgut­unternehmen - Gen-Technik, Chemiedünger und Hoch­­­ertragssorten in zwei Händen und auߟerdem wird noch das Plastik für die Verpackung her­gestellt - Vor-, Kuppel- und Folgeprodukte: alles paߟt zu­sammen.

Der Kunstdünger ist im Bayerischen erst im Ersten Weltkrieg groߟflächig eingesetzt worden. Aus Mittelfranken heiߟt es in einem Bericht:
    »Schwarzen hab- €™n wir da g- €™sagt. ... Aber der war so scharf, da hat ma- €˜ ka Bier, nix d- €™rauf trinken dürfen, sonst war man weg, so giftig war der ..., den hat ma doch mit der Hand streuen müss- €™n ... sin- €˜ mir abends heim­kumma und hab- €™n unsre Kleider auszog- €™n .. und hab- €™ns in a Wasser nei und eing- €™weicht. Und wie die Bäuerin sie an andern Tag wasch- €™n hat well- €™n, war nix mehr d- €™rin, war- €˜s total z- €˜amgefress- €™n zu lauter Fetzen.«

Walter Bätz, vormals Kartoffelreferent beim Bundessortenamt, erklärte zu der Namengebung der Kartoffeln im Februar 1994:
    »Die Kartoffel ist wie eine schöne Frau, voller Probleme und Rätsel für uns Männer und darum attraktiv.«
Kartoffelanbau seinerzeit bedeutete, daߟ man aus der normalen Ernte einige besonders groߟe Kartoffeln mit »Augen« (auch »Kopf« genannt) zurücklegte, daraus Stücke schnitt und diese in die Erde legte (vegetative Fortpflanzung); so erhielt man aus einer Knolle etwa zwei bis vier Setzlinge. Die Anwuchsstelle, im hessischen »Arsch« genannt, wurde für Futterzwecke oder zum Schnaps­brennen weggeschnitten. Im Odenwald lautete ein Spruch: »De Oarsch hot koa Aache, deshalb weg damit.«

Kartoffeln der zweiten Generation - aus den Augen einer vorjährigen Kartoffelernte - sind Replikate und entsprechen denen des Vorjahres wenn jedoch Kartoffeln mit ihren »Augen« in andere Böden gelangen oder anders gedüngt werden, so verändern sie sich von selbst. Das war das Geheimnis der ersten Zuchtversuche: Anders oder überhaupt düngen und in andere Böden legen. Der Genbestand der Kartoffel schlieߟt eine beträcht­liche Anzahl von Varianten ein, und durch Züchtun­gen oder Kreuzungen kann die Kartoffel, aber ebend auch durch andere Düngung, eine Reihe von Wandlungen durchmachen. Die vegetative Pflanzung ist einfach, aber eine solche Pflanze wird mittel- und langfristig anfälliger für Viruskrankheiten; erst die Vermischung von Genen erhöht die Resistenz gegen Krankheiten. Ein anderer Nachteil ist der ewig gleiche Geschmack.

 
Nur Pflanzen, die einen Platz in der Bundessortenliste gefunden haben, dürfen als Saatgut in den Verkehr gebracht werden. Das Versandhaus »manu­factum« darf deshalb eine alte, sehr robuste und geschmacksstarke Tomaten­sorte, die bei den Nachfahren pfälzischer Amerika-Einwanderer zufällig überlebt hat, aus Gründen der Reinheit hiesiger Massensorten in der EU nicht anbieten. Gleiches gilt für alte Kartoffelsorten.

Hierzu darf angemerkt werden, daߟ »Asteroiden wie Marsmonde aussehen - klein, kartoffelförmig und von Kratern übersät«. So steht- €™s in der »Natur­geschichte des Universums« von Colin A. Ronan. Ronan gibt eine zutreffende Beschreibung: Der Asteroid »Eros« (1898 von dem Berliner Astronomen Georg Witt erstmals gesichtet), der mit der amerikanischen Weltraumsonde »Near« erforscht wird, trägt auch den Namen »Kartoffelkopf«. Bei allen Beschreibungen des 1,9 kg schweren Mars-Meteoriten »ALH84001« wird darauf hingewiesen, daߟ er die Gröߟe einer Kartoffel habe und/oder eine »Weltraum­kartoffel« sei, was jedoch nicht die fossilen Spuren urtümlicher Bakterien erklärt. Auch der Planetoid 1997 XF11, der am 26. Oktober 2028 die Erde touchieren soll oder auch nicht, wird als kartoffelförmiges  Gebilde bezeichnet.  Und  der unregel­mäߟig geformte Mars-Trabant Phobos wird gleichfalls mit einer Kartoffel ver­glichen, die dreizehn Kilometer lang und neun Kilometer breit ist. Im Internet wird unter Bezugnahme auf von ­Michael Anzenhofer ent­wickelten Fotos in einem längeren Aufsatz dargelegt, daߟ die »Erdkugel kein Ellipsoid bzw. eine Kugel mit abgeflachten Polen« sei, sondern die Form einer Kartoffel habe (das veröffentlichte Foto bestätigt diese auߟergewöhnliche Deutung der Anomalien des Schwerefelds).

1995 unter­nahm die NASA eines ihrer vielen Pflanzenexperimente und schickte eine Kartoffel in den Weltraum, um festzustellen, wie sich Schwere­losigkeit auf Wachstum und Stärke auswirken würde und ob die Kartoffel auch in Schwerelosigkeit Knollen treibt. Prof. Ted Tibbits von der University of Wisconsin meinte dazu, daߟ die ­Knolle ein für die Weltraumbesiedlung hervor­ragend geeignetes Gewächs sei, da sie nur etwa zwanzig Prozent »Abfall« (Stengel und Blätter) verursache, aber rund achtzig Prozent eߟbar sei.

Dazu paߟt die Bemerkung des Fuߟballtrainers Zlatko »Tschik« Cajkowski: »Der Ball ist eine Kartoffel«. Sepp Herberger, der aus Heppenheim/Bergstraߟe (Odenwald) - einem frühen Anbaugebiet der Kartoffel - kommt: »Die Kartoffel ist rund«. Die Beschreibung eines Balles wird von den Erfahrungen mit der Knolle geprägt. Ringelnatz: »Fuߟball (nebst Abart und Ausartung)«
    »So trat er zu und stieߟ mit Kraft

    Ihn in die bunte Nachbarschaft

    Erschreckt durch seine wilden Stöߟe

    Gab man ihm nie Kartoffelklöߟe.«

Die Kartoffelsorten sind in drei Kategorien bzw. Kochtypen einzuteilen:
    -  festkochend (vor allem für Kartoffelsalat, Pell-, Schmor- und Brat­kartoffeln bzw. ge­röhste Kartoffeln bzw. Brägele im alemannischen): Grenaille, Hansa, Nicola, Primura, Roserol, Sieg­linde); Christa Wolf:  »Brat­­kar­toffeln, Spiegelei, Grüner Salat. Milch. - €șDie ein­fachen Essen sind die besten.- €č« Festkochende Sorten platzen beim Kochen nicht, sind fein-körnig und meist feucht (speckig).

    -  vorwiegend festkochend (für Salz-, Pell-, Brat- und Grillkartoffeln: Carola, Rosen-Desiré, Granola, Spunta, Grata, Quarta). Diese Kar­toffel­sorten springen beim Kochen nur wenig auf; sie sind mäߟig feucht.

    -  mehligkochend (Aula, Bintje, Maja, Prinzess) für Kartoffel­püree (der Erdapfel sieht nie der Kompottierung entgegen, muߟ aber Mus wer­den, wenn- €™s der Speiseplan so will), ­Klöߟe, Ein­töpfe, Salz­kartoffeln und Suppen mit wenig Eigengeschmack. Diese Sorten sind eher trocke­ner und springen beim Kochen stärker auf.

Festkochende Kartoffeln sind auf den Packungen grün gekennzeichnet, die vorwiegend festkochenden sind rot und die mehligen sind blau markiert. In Norddeutschland und im Westen werden festkochende, in Südengland und in Ostdeutschland werden mehlige Sorten bevorzugt.

Die Kartoffeln, die auf Mutters Tisch kommen, werden nach ihrer Reifezeit unterschieden:
    -  Frühkartoffeln mit dünner Schale (die man mitessen kann!) und nicht zum Lagern geeignet sind, kommen zumeist aus Malta (früher hieߟen alle Früh­kartoffeln »Malta-Kartof­feln«), Nordafrika, Sizilien und Griechenland; Anfang 1996 ist Ągypten der bedeutsamste Lieferant Deutsch­­lands, für die Frühkartoffel. Ringel­natz sagt, daߟ sich Giraffen nach dem Herbstlaub recken, das ihnen so schmeckt, wie junge Frühkartoffeln mit Butter ihm. Die Bezeichnung Frühkartoffel gilt nur für Knollen aus der ­neuen Ernte, die bis zum 10. August erstmals verladen werden. Die ersten Frühkartoffel kommen nach Jacobi (25. Juli): »Jetzt ist Jakobi, jetzt ist die War- €˜ g- €™salzen« hieߟ es früher in Bayern und meinte damit, daߟ die Knollen jetzt Geschmack hätten.

    -   Ab Anfang Juni kommen die sehr frühen Sorten und ab Mitte Juni frühe Sorten in den deutschen Lebensmittelhandel (Vegetationszeit zwischen 100 und 120 Tagen).

    -   Die mittelfrühen Sorten aus der August- und Septemberernte  können  acht bis  zwölf ­Wochen aufbewahrt werden (Vegetationszeit zwischen 120 und 140 Tagen).

    -   Ab Mitte September kommen die mittelspäten bis späten Sorten aus dem Boden, die zugleich die höchste Lagerfähigkeit besitzen (Vegetationszeit zwischen 140 und 160 Tagen).

Die deutsche Hausfrau zieht Kartoffeln mit gelbem Fleisch vor, während das Herz der Engländer mehr für das weiߟliche Fleisch schlägt; in Frankreich werden auch lila Kartoffeln (aus dem ehe­maligen Indochina) angeboten und in geringem Maߟe auch angebaut, deren Fruchtfleisch und ­Schale dunkel ist und nach Nuߟ schmeckt. Bei den roten Kartoffelsorten wie Rosara, Arosa, Rosella, Desirée, Rasant oder Rubin ist nur die Schale rot.

Der Ertrag dieser Sorte liegt bei nur etwa 20 Prozent der üblichen Ernte-Ausbeute; sicherlich kein Ge­schäft für die nichtbuchführenden deutsche Landleute. Unter den 3700 Kartoffel-Landsorten in der Sammlung des »Centro Internacional de la Papa« sind etwa 700 bis 800 mit farbigem - zumeist rötlichem - Kartoffelfleisch; etwa zehn Kartoffelsorten besitzen vollständig rotes oder dunkel­rotes Fleisch.

Bodo Trognitz, früher beim »Centro Inter­na­cional de la Papa« in Lima, teilte dem Autor mit, daߟ in Europa Ende des 19. Jahrhunderts die rot-rötliche Kartoffelsorte »Red Purple Chili« von Goodrich für die Züchtung verwendet wurde. In Europa gibt es zur Zeit unter den modernen Sorten keine Kartoffeln mit farbigem Fleisch. In Hameln, so wird berichtet, würden sogar blaue Kartoffeln wachsen, genannt »Fitte Lotte«; ihre Farbe behält die Kartoffel auch nach dem Kochen, das farblose Wasser verwandelt sich jedoch in ein leuchtendes (un­giftiges) Grün.

Die vom Bundessortenamt definierten Handelsklassen gehen nicht nach Geschmack, nicht nach Lagerfähigkeit, nicht nach Verwendbarkeit, sondern ausschlieߟlich nach der »Anmutung«:

-  »Handelsklasse Extra I« oder »Klasse Extra« hat ein gleichmäߟiges, sauberes Äuߟeres und eine gelbe Fleischfarbe. Die Gesamtmängel dürfen höchstens fünf Prozent betragen.

-   »Extra II« bzw. »Klasse I« sieht schon etwas weniger gut aus, die Gesamtmängel dürfen bei dieser Klasse acht Prozent nicht über­steigen.

-   »Drilling« sind »Extra III«, werden aber so nicht genannt, denn wer nimmt schon die dritte Wahl: Kleine Kartoffeln mit einem Durch­messer von 25-35 mm bei lang-ovale Kartoffeln und 25-40 mm bei runden Sorten.

Lebensmittel werden nicht nur nach ihrer Qualität, sondern auch nach ihrem Image beurteilt - und da schneidet die Kartoffel (bedauerlicherweise) nicht besonders gut ab. Alle Handelsklassen-Kartoffeln können geschmacklos sein, sie können aber auch schmecken. Auf Wochenmärkten werden vielfach auch Kartoffeln angeboten, die diesen »Qualitäts«-Festlegungen nicht ent­sprechen, dafür aber schmackhaft sind, wie die »Odenwälder« oder die in Nord-Bayern häufiger zu finden­den »Bamberger Hörndl«, die nicht wie Kartoffel aussehen, aber welche sind.

Nach der Geschmacksbewertung des Bundessortenamts haben die fest­kochenden Sorten »Hansa«, »Linda« und »Forelle« und die vorwiegend fest­kochende »Grata« die zweithöchste Einstufung erhalten. »Hansa« ist mit 540.000 to die meistverkaufte Kartoffelsorte in Deutschland, gefolgt von »Granola« mit der unterdurchschnittlichen Bewertungsstufe »4« und etwa 210.000 to im Jahr.

 

 

Prof. Dr. Horst Schiffer:

Alte Kartoffelnamen

King Edward

Diese englische Sorte von 1902 mani­festiert in weiser Voraussicht, daߟ ein legitimer Kartoffelkönig nicht anders als Eduard heiߟen kann.

La Ratte

Sie ist 1872 in Frankreich gezüchtet worden und gilt als Feinschmecker-Sorte. Ob ihr bescheidenes Volu­men die französische Depression nach der Nieder­lage von 1871 symbolisiert, ob ihr die deutsche Erde, in die sie ge­pflanzt worden war, nicht geschmeckt hat, oder gar degenerative Erscheinun­gen vorliegen, bleibt noch eine Aufgabe der Forschung.

Lila Tannenzapfen

Sie wurde um 1850 in Deutschland gezüchtet. Am Ende der Biedermeier­zeit, als sich die Tanne als Weihnachts­baum durchzusetzen begann, verlangte das deutsche Gemüt auch nach stimmi­gen Formen auf der Speisetafel. Und nun stelle man sich einen zartgelben Tannenzapfen, mit brauner Butter übergossen, auf einem gedünsteten Mangoldblatt vor! Daneben nun Pommes mit Ketchup - welch ein kultureller Abstieg!

Reichskanzler

Sie wurde in Deutschland um 1930 bekannt Auf­fallend sind die rötlichen Flecken auf der ockerfarbenen Schale. Es ist erwiesen, daߟ es sich nicht um sozialistisches Rot handelt Daߟ es sich beim Ocker um die Vorstufe zum Braun und bei den Flecken um schamrote handeln könnte, ist bisher noch nicht bestätigt.

Edzell Blue

Eine schottische Züchtung, die um 1890 entstand. In der Originalversion wird in Schottland eine halbe Kartoffel auf einem Holzbrett serviert. Mit Dudelsackmusik soll sich ihr Geschmack am besten entfalten.

Aura

Die Kartoffel mit der Aura der 4. Re­publik von 1951. Die Franzosen gelten als Meister der politischen Symbolik. Ob Charles de Gaulle hinter dieser Züchtung steckt, der in weiser Voraus­sicht die Franzosen an die zukünftige Präsidentennase gewöhnen wollte, ist noch nicht widerlegt.

Vitelotte

Eine alte französische Sorte. Diese auffällige Erscheinung der Pommologia humosa, der Erdapfelkunde, verkörpert mit ihrer fast schwarzen Farbe und den tiefliegenden Augen die Nacht- und Schattenseite des Kartoffelreichs.

Bamberger Hörnchen

Eine alte fränkische Feinschmecker-Sorte. Es ist volkskundlich aber noch nicht entschieden, ob die Hörnchen in Zusammenhang zu bringen sind mit den kleinen Seitensprüngen der Bambergerinnen oder der bescheidenen Qualität der Ausstattung ihrer Männer, die damit solche Seitensprünge verur­sachten.

Desiree

Wird seit langem im Saarland ange­baut. »Desiree, die Begehrte, meine Haussorte, an die ich mich schon aus Kindertagen erinnere. E gud Grumbier, wie- €™s bei uns heiߟt vielseitig und von gutem Ertrag und Geschmack«. Die rote Schale ist keineswegs politisch zu deuten, denn der Saarländer genieߟt auch in schwarzen Phasen rote Kartoffeln.

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Das Märchen vom guten Kartoffelkönig 

Es war einmal eine groߟe Kiste Kartoffeln. Es waren schöne, dicke Kartoffeln in der Kiste, eine noch dicker als die andere. Auf einmal aber, da hat es in der Kartoffelkiste gerufen: »Ich will nicht aufgegessen werden, ich mag nicht aufgegessen werden! Ich bin doch der groߟe Kartoffelkönig!« Und das ist auch wahr gewesen. Mitten in der Kartoffelkiste hat der Kartoffelkönig gelegen. Der war so groߟ wie zwölf andere Kartoffeln zusammen. Aber einmal, da ist die Groߟmutter in den Keller gekommen und hat ein Körbchen Kar­toffeln geholt. Die wollte sie schälen und kochen zum Mittagessen. Und da hat sie den Kartoffelkönig auch in ihr Körbchen getan und hat gesagt: »Ei, was ist das für eine dicke KartoffeI!« Aber wie die Groߟmutter mit dem Körbchen aus dem Keller gekommen und über den Hof gegangen ist, da ist der Kartoffelkönig, eins, zwei, drei! aus dem Körbchen gesprungen und so geschwind in den Garten gerollt, daߟ ihn die Groߟmutter nicht mehr finden konnte. Und sie hat gesagt: »Ich will sie nur laufen lassen, die dicke Kartoffel, vielleicht finden sie arme Kinder und freuen sich.«  

Und der Kartoffelkönig ist immer weitergerollt, der groߟe Kartoffelkönig. Da ist ihm der Igel be­gegnet und hat zu ihm gesagt: »Halt, warte ein biߟchen, ich will dich aufessen heute mittag!« - »Nein«, hat der Kartoffelkönig gesagt, »Groߟmutter mit der Brille hat mich nicht gefangen, und du, Igel Stachelfell, kriegst mich auch nicht!« Und eins, zwei, drei! ist er weitergerollt. Da ist ihm das Wildschwein begegnet. »Halt, dicke Kartoffel«, hat es zu ihm gesagt, »warte ein biߟchen, ich will dich geschwind auffressen!« - »Nein«, hat der Kartoffelkönig gesagt, »Groߟmutter mit der Brille hat mich nicht gefangen, Igel Stachelfell hat mich nicht gefangen und du, Wildschwein Grunznickel- €™ kriegst mich auch nicht!« Und eins, zwei, drei! ist er weitergerollt in den Wald. Da ist ihm der Hase begegnet, und der hat gerufen: »Halt, dicke Kartoffel, warte ein biߟchen, ich will dich nur eben aufessen«. »Nein«, hat der Kartoffelkönig gesagt, »Groߟmutter mit der Brille hat mich nicht gefangen, Igel Stachelfell hat mich nicht gefangen, Wildschwein Grunznickel hat mich nicht gefangen, und du, Has- €™ Langohr- €™ kriegst mich auch nicht!«  

Und eins, zwei, drei! ist er weitergerollt durch den Wald, der groߟe Kartoffelkönig. Da sind ihm zwei arme Kinder begegnet, die waren schon lange auf dem Wege und hatten argen Hunger. Als sie die groߟe dicke Kartoffel sahen, haben sie gesagt: »Oh, was läuft da eine dicke Kartoffel! Wenn wir die hätten, dann könnte die Mutter uns einen groߟen, groߟen Reiber­tatsch davon ­backen!« Als das der Kartoffelkönig hörte, da ist er, eins zwei, drei! den armen Kindern in ihr Körbchen gesprungen. Und die Kinder haben am Mittag einen groߟen, groߟen Reiber­tatsch davon gekriegt. 

          Wilhelm Matthieߟen im »Bayerischen Lesebuch«,    3. und 4. Schuljahr 1947

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Erste Hilfe bei einer Solanin-Vergiftung

Wenn man denn heutzutage auf einem Kartof­fel­feld »kosten« war und »ver­sehentlich« (Mundraub aus den Gärten ist seit Karl dem Groߟen strafbar!) die roten Beeren gegessen oder von den Blüten ge­kostet haben sollte: Er­brechen  auslösen, Arzt  oder  Krankenhaus aufsuchen,damit eine Magen­spülung vor­genom­men werden kann. Ganz schnell und als erste Maߟnahme­ (vor dem Arztbesuch!) hilft Kar­toffelsaft, der krampf­lösend wirkt und die Magen­säure­produktion hemmt. Wie merkt man, daߟ man die Kartoffel­beeren mit Preisel­beeren verwechselt hat? Das Solanin (und in geringer Menge Cholin undAcetylcholin) führt zu einer Reizung der Ver­dauungswege und löst die roten Blutkörperchen auf. Die Symptome: Einige Stunden nach dem Essen der Beeren bekommen Sie ein brennendes, kratzendes Gefühl im Hals, Kopf­schmerzen treten auf, Benommenheit, Er­brechen und heftiger Durch­fall, Schwitzen und Krämpfe, unregelmäߟige Atmung, Sinken der Körper­temperatur. Alles in allem: Sie merken es, daߟ Sie was falsch gemacht haben. Prognose: im Prinzip günstig, aber es sind auch schon tödliche Vergiftungen vorgekommen. Das Gift ist auch in den Keimen und Augen aus­keimender Kartoffeln - Vorsicht ist angeraten.

Das giftige Solanin befindet sich in der höchsten Konzentration in den unreifen Samen, die Kartoffelknolle weist heute im allgemeinen nur ­einen geringen Anteil von Solanin auf, der zudem beim Kochen zerstört wird.

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Ein Heiliger für die Knolle

Das »neue Gewechs« bekam keinen eigenen ausschlieߟlich zuständigen Heiligen mehr ab - anders als Getreide: Jacobus d.߄. ist für Gedeihen des Korns zuständig, Nikolaus und Sebastian sind die Heiligen der Kornhändler und Bartholomäus beschützt die Kornträger. Die Kartoffel muߟ mit der auch für Pest, Husten, Tollwut, Bauern undgegen bissige Hunde zuständige Walburga (1.Mai) für die Feldfrüchte vorlieb nehmen14. Und die heilige Heike (6.Mai - dieser Tag ist zugleich der höchste Feiertag der »Schweizer Garde«, von deren Mitgliedern die Kartoffel in die Schweiz (Wallis) gebracht sein soll) ist neben dem Kartoffelsalat auch für Klaus zuständig. Eventuell ist auch der Georg, der Schutzpatron der Bauern, heranzuziehen, denn wenn die Knolle am 23. April - am Namenstag dieses Heiligen - gesetzt wird, soll sie besonders reiche Ernte bringen.

George  Frazer  weist daraufhin,  daߟ  auch in Deutschland an »Korngeister« geglaubt wurde, die in Tiergestalt - zum Beispiel als Ziege, Hund, Wolf,  Hahn  oder  Katze -  auftraten  und beim Schnitt des letzten Büschel oder beim Drusch der letzten Garbe »gefangen« wurden. In Mecklen­burg ­wurde dieser aus dem Getreideanbau kommenden Brauch auf die Kartoffel übertragen und als »Kar­toffel­wolf«  be­zeichnet.  Wer  den  »alten Mann kriegt«, das heiߟt die letzte Kartoffelstaude des Ackers, hatte in der Pfalz den »Vortanz« auf dem »Grumbeer­ball«; ein solcher Brauch führt natürlich dazu, daߟ ein Acker wirklich bis zur letzten Knolle ab­geerntet wird, denn die Ehre des »Vortanz« wollte schon gar mancher erringen.

Und da doch noch immer die eine oder andere Knolle liegenblieb, durften dann die nicht-ackernden kleinen Leute über- €™s Feld gehen und noch einmal nach-lesen; im sächsischen - so Horst Finsterbusch aus Ilmenau- hieߟ diese Nachlese »Kartoffeln-Stoppeln« während es bei Getreide »Ä„hren-Lesen« heiߟt.

14 Im »Immerwährenden Heiligenkalender« von Albert Christian Sellner ist kein »Kartoffelheiliger« verzeichnet. Vielleicht war die Zeit für Heilige damals schon vorbei; andererseits haben aber die Fremdsprachenkorrespondenten (Franz von Assisi), die Radiofachleute (Erzengel ­Michael) und die U-Bahn (Barbara) eigene Heilige. Joseph von Cober­tino ist der Schutzheilige von E. T. und anderen aliens, weil er bei der Messe immer auf- €™s Kreuz flatterte. Vielleicht sind ja die »Heiligen Drei Könige« die Schutz­patrone der Kartoffel. In Bruntrut in der Schweiz wird jedenfalls seit 1837 am 6. Januar ein Kartoffelfest ausgerichtet, mit Kartoffel­likör (!?) als krönenden Abschluߟ. Vielleicht ist das traditionelle »Drei-Königs-Treffen« der Südwest-Libera­len auf dieses Kartoffel­fest der »Société Pauvriotique«, der Vereinigung von Armen und Arbeitern, zurück­zuführen, denn mit etwa fünf Prozent ist man wahrlich arm dran.

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Auch Pfeffer galt als Aphrodisiakum 

Pfeffer war teuer und schwierig zu bekommen. Erst Anfang des 16. Jahrhunderts gelang es den Portugiesen, das islamische Handels­monopol für Pfeffer und ­andere Gewürze zu zerschlagen. Columbus hätte nie die Unter­stützung des Beichtvaters von Königin Isabel, Hernando de Talavera aus dem Kloster La Rábida, und dem einberufenen Sachverständi­genrat er­halten, wäre der Seeweg nach Indien, zu den ­Moluk­ken und nach Celebes bereits frei gewesen. Die FAZ über die Reise des Columbus- €™:

    »Manchmal sucht man vergebens den Seeweg nach Indien und bringt dann wenigstens die ­Kartoffel, den Mais und ein Video von Pamela Anderson mit.«

Pfeffer besaߟ mehrere hervorragende Eigenschaften: Er konnte nicht schlecht werden, und er war ein auߟergewöhnlich bewegliches Gut, das schon in kleinsten Mengen einen anständigen Profit abwarf; Pfeffer führte bei den Kaufleuten zu Wohlstand und ermöglichte ihnen die Funk­tion von Bankiers, die Könige und Kaiser finan­zier­ten. ­Pfef­fer erregte Männer (und Frauen), die angesichts der Keuschheits­gürtel  anfingen, sich mit der Metallverarbeitung zu beschäftigen, um (wie Carlo M. Cipolla nachweist)  die  erforderlichen Schlüssel an­zufertigen:

    »Die Häufung des Familiennamens Schmidt, Smith, Ferrari, Ferrario, Ferrero, Fabri, Favre, Febvre oder Lefevre beweisen das Interesse der Menschen an der Anfertigung von Schlüs­seln. Nicht umsonst wird bereits im Nibelungenlied der sagenhafte Dietrich von Bern erwähnt.« 

Pfeffer verlor erst an Bedeutung als es ein Massen­gewürz wurde; es ver­schwindet aus den Koch­büchern für den Adel. An Bedeutung  gewinnen Mus­kat, Gewürznelken, Paradies­körner. Um diese selteneren ­Gewürze ging es dem Columbus, da sie einen höheren Profit abwarfen als Pfeffer, der so ver­breitet war, daߟ er sogar die Speisen von Ge­fäng­nis­­­insassen in Burgund und Bewohnern eines Armenhauses in der ­Normandie ­würzte.


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Finis: Gratulation

DIE ZEIT vom 26.September 1997 »Das Letzte« von finis 

Liebe deutsche Kartoffel, wir gratulieren dir zu deinem 350. Geburtstag! Tief sollst du leben, dreimal tief. Wir grüߟen dich, holde Siglinde, die du beim Kochen deine langovale Form und deine schöne gelbe Farbe behältst, wir bewundern deinen edlen, feinmilden Geschmack! Und dir, aufreizend rotschalige Desiree mit groߟer Verbreitung in Süddeutschland, viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen in die Friteuse! Und du, liebliche Linda, vielseitigste unter allen Kartoffeln; die du gröߟte Sorgfalt bei Anbau und Lagerung verlangst: Möge dir solche immerzu beschieden sein. Dir aber, rassige Roxy, robuste Knolle aus Niedersachsen, geeignet für die moderne Lagerhaltung und den Verkauf in Kleinpackungen, rufen wir zu: ad multos annos!

Seit damals, als der Graf Friedrich Ludwig von Pommern, unter Freunden kurz Fritz Pomm oder Pomm Fritz genannt, die Kartoffel erfand, ist Deutschland Kartoffelland. Die neuere Kartoffel­forschung nun hat aufschluߟreiche Korrela­tionen zwischen Knollen­­­­­präferenz und Parteienpräferenz heraus­gefunden. Daߟ die phlegmatische Linda vor allem von FDP-Wählern bevorzugt wird, sollte niemanden über­raschen. Seltsam jedoch, daߟ die wachsende Verbreitung der vor allem in Schälbetrieben verwendeten Roxy mit dem Zuwachs rechts­radikaler Stimmen bei der Hamburg-Wahl zu korrelieren scheint. Wäre das die Ursache von Voscheraus Debakel? Nord­deutsche Kartoffel­freunde aus der SPD: Überprüft das mal!


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Anmerkungen

 

1      Für die Beförderung einer Postkarte bezahlte man in Deutschland: 1920 0,05 Mark, Anfang 1921 0,30 Mark, Ende 1921 0,80 Mark, Anfang 1922 2 Mark, und am Ende 10 Mark, im März 1923 40 Mark, April 100 Mark, Mai 400 Mark, Juli 5000 Mark, September 20.000 Mark, Anfang Oktober 75.000 Mark und am Ende jenes Monats 2 Millionen, Anfang November 4 Millionen, in der Mitte 50 Millionen und zum Ende des Monats November 1923 waren es eine Milliarde Mark für die Beförderung einer Postkarte. Da lieߟen selbst die Profiteure dieser Geldvernichtung das Postkartenschreiben.             zurück

 

2      Eine Lucky Strike entsprach ungefähr sechs RM, für ein halbes Dutzend gab- €™s ein Pfund Butter, zwölf erbrachten ein Paar Nylons; so ungefähr sollen die Preise im Französischen Garten in Celle gewesen sein. Es waren »Weltmarktpreise«, denn die Welt war ganz schön klein geworden, nach dem sich herausgestellt hatte, daߟ den Deutschen »morgen die Welt« nicht gehören würde.                 zurück

 

3      Interessant ist an diesem Bericht, den ich Horst Finsterbusch von der TU Ilmenau ver­danke, daߟ hier - wie selbstverständlich - von farbigen Kartoffeln geschrieben wird. Sowohl dem Pfarrer Manns als auch den in Deutschland lebenden Lesern müssen dem­nach farbige Kartoffeln vertraut gewesen sein (veröffentlicht wurde dieser Brief unter dem Titel »Aus Chile - Briefe des in Ermschwend gestandenen Pfarrers H. K. F. Manns«, herausgegeben von W. Manns, Kreissecretar a.D., Hersfeld 1855).            zurück

 

4      Um 1900 kreuzte ein belgischer Grundschullehrer, der sehr gerne Kartoffeln aߟ, verschiedene Sorten in seinem Garten und schuf dadurch neue Kartoffelsorten. Die ersten Sorten benannte er nach seinen Kindern. Da er nur neun Kinder hatte, gab er der zehnten Sorte den Namen seiner kleinsten Schülerin: Bintje Jansma.             zurück

 

5      Ganz anders bei den Baumäpfeln: Kein Apfel (malus domestica) schlägt seinem Kern nach. Ein Apfelbaum, den man aus einem Kern zieht, wird ein Wildling, der seinem Elternteil nur noch entfernt ähnelt. Die Äpfel wilder Bäume sind fast immer ungenieߟbar und nur für die Mostherstellung geeignet. Sie seien »so sauer«, schrieb Thoreau einmal, »daߟ ein Eichhörnchen Zahnschmerzen bekommt und ein Eichelhäher loskreischt.« 

Die Bibel nennt den Apfel im Paradies nie beim Namen, sondern spricht nur von der »Frucht des Baumes, der inmitten des Gartens steht.« Seit dem Mittelalter haben die Nord-Europäer angenommen, daߟ es sich um den Apfel gehandelt habe, den die Schlange empfiehlt, zu kosten. Das negative Image des Apfels hat die Einführung des »Erdapfels« sicherlich auch behindert. Für die Protestanten galt, daߟ die Traube mit den Verfehlungen der katholischen Kirche, während der Apfel mit dem Verstoߟ aus dem Paradies verbunden wurde. Andererseits konnte man gehaltvollen Cider aus ߄pfeln keltern, so daߟ es nahelag, auch aus dem Erdapfel ein berauschendes Getränk herzustellen.            zurück

 

6      Eine Kartoffel-Sorte, die selektiert wurde, um lange einfarbige pommes frites herzustellen oder makellos gerundete Kartoffelchips ist zugleich ein Zeichen, daߟ in jenem Absatzgebiet groߟe Kartoffelverarbeiter und Lebensmittel­handelsketten existieren. Es läߟt - so Michael Pollan in »Botanik der Begierde« - auf »eine Kultur schlieߟen, die Kartoffeln nur in mehrfach verarbeitetem Zustand goutiert«.             zurück

 

7      Das gilt nicht nur in Deutschland: Ein Gericht in Wellington verurteilte 1998 einen 77jährigen Iren zu umgerechnet 400 Mark Geldstrafe, weil er zwei mehlige Kartoffeln importiert hatte, die er in Neuseeland anbauen wollte. Neuseeland und Australien haben die rigidesten Einfuhrgesetze für Pflanzen, Pflanzenreste und Tiere; die Kaninchen sind ein warnendes Beispiel. Aber auch bei der Einreise in die USA wird nach Kaugummiresten und Gummibärchen gesucht.          zurück

 

8      Anfang April 1996 verhängten Frankreich, Spanien und Finnland ein Einfuhrverbot für ägyptische Frühkartoffeln, da diese von der Schleimkrankheit befallen sind. Die spanische Regierung geht davon aus, daߟ die gesundheitlichen Schäden für den Konsumenten kaum abschätzbar sind. Die Schleimkrankheit ist durch niederländische Saatkartoffeln nach Ägypten eingeschleppt worden. Ągypten lieferte in den ersten vier Monaten 1996 etwa 90.000 Tonnen Kartoffeln nach Deutsch­land. Es geht um viel Geld für die Landwirte. 1998 wurden rund 475.000 Tonnen Speisefrüh­kartoffeln auf deutschen Feldern geerntet.            zurück

 

9        Die Funktionäre der Verbraucherverbände gehen wohl schon lange nicht mehr selber einkaufen, denn die Sortierung steht nur noch auf der Tüte - wie- €™s drinnen aussieht, merkt man erst beim Kartoffelsalat.            zurück

 



           Auߟerdem gehörte zum Liebesgenuߟ: Alkohol, Alraune, Austern, Bananen, Bilsenkraut, rohe (und gekochte) Eier, Ginsengwurzeln, Kantharidin (enthalten in Käfern und der Spanischen Fliege), Kartoffeln (und Kartoffelsalat) Kaviar, kleingeriebene Nashorn-Hörner, Salbei, Sellerie, Spargel, Tollkirschen, Trüffel, Tomaten, ganz normales Wasser, Yohimbin aus der Rinde des afrikanischen Yohimbe­baumes, Tigerpenes, Liebstöckel, Senf, Bilsenkraut, Schlafmohn, Schierling, Kamm und Hoden des Hahns, grüner Salat (gleichzeitig auch einschläfernd), Muskatnuߟ. Der »gute Ruf« dieser Mittel­chen kann medizinisch nicht nach­gewiesen werden - aber sie schaden auch nicht sonderlich, wenn sie in Maߟen genossen werden.            zurück

 

             Wohlstand wurde seit dem 7./8. Jahrhundert gemessen an dem Besitz von landwirt­schaftlich nutzbaren Raum; die Menge an Schweine war die wichtigste Berechnungs­grund­lage. Deshalb besaߟ der Adel riesige Wälder, weil die Schweine­fütterung aus Eicheln bestand. Kann sich der geneigte Leser vorstellen, wie Schweinefleisch schmeckt, wenn die Tiere ausschlieߟlich mit Eicheln gefüttert werden?          zurück

 

           Der Keuchheitsgürtel soll angeblich während der Kreuzzugszeit (12. und 13. Jahrhundert) erfunden worden sein. Er bestand aus einem Metallbügel und war mit einem Schloߟ versehen. Er wird erstmals erwähnt im Kyeser-Codex von 1405. Da ihn Florentinerinnen trugen, wurde er auch »Florentiner Gürtel« genannt; auch als »Venus-Gürtel« wurde er bezeichnet.            zurück

 

       In Deutschland sind viele Familiennamen prototypisch aus dem Beruf («Schmidt« oder »Setzer«) abgeleitet; einige weitere entstanden aus der Herkunft (»Preuߟe«), dem Wohnort (»Berliner«) oder besonderen Körpermalen (»Lang­nese«). Bei den alten Römern wurden Beinamen zu Gentil­namen: Hinter den Claudiern stand claudus »lahm«, hinter den Fabiern stand die Bohne (bona) und die Albanesen waren weiߟnasig. 

Im Mittelalter kommen die Familien­namen auf, als in den Städten der Differenzie­rungs­­druck zunimmt. Namen waren nicht mehr Schall und Rauch, sondern bezeugten auch die Macht der »Geschlechter«. In mehr bäuerlich strukturierten Gebieten richte­ten sich die Fami­lien­­namen mehr nach persönlichen Kennzeichen, wie es heute auch noch vielfach in Bayern anzutreffen ist (»Ochsensepp« oder »Knollen-August«). Ein Namens­wechsel war allgemein üblich, wer kinderlos starb (und das war häufig der Fall), wollte wenigstens seinen Namen vererben (wenn er es zu etwas gebracht hatte). 

Das Allgemeine Preuߟische Landrecht von 1794 schrieb den Namen des Mannes als Familien­­namen vor; den Namen ihres Gutes durften nur adlige Besitzer annehmen. Im heutigen Schottland ist es möglich, durch den Erwerb eines quadratfuߟgroߟen Stück Landes des Titel eines Laird (of Glencairn zum Beispiel) zu erwerben. Und das »Bürgerliche Gesetzbuch« (1900) legte für das Reichsgebiet fest, daߟ ver­heiratete Frauen den Namen ihres Mannes zu tragen hätten. 1953 erhält die Frau das Recht, ihren Geburtsnamen hinter den des Mannes hinzuzufügen; die ersten Binde-strich-frauen entstehen. 

In England des 17. und 18. Jahrhunderts war es Sitte, ihre zahlenmäߟige Kinderschar nicht mit allzu vielen unterschiedlichen Namen auszustatten; der berühmte Uhr­macher und Konstrukteur eines funktionierenden Chrono­meters John Harrison war Sohn, Enkel, Bruder und Onkel eines Henry Harrison, während seine Mutter, seine Schwester, seine beiden Frauen, seine einzige Tochter und zwei von drei Schwiegertöchtern auf den Namen Elizabeth ­hörten. 

Bei den alten Ągyptern herrschte der Brauch, daߟ jede Person zwei Namen erhielt: den kleinen Namen, der allen bekannt war und den eigentlichen groߟen Namen für das Totenreich, den man verbarg. Bei den Aborigins in Australien durfte der geheime Name nicht von Angehörigen anderer Stämme gehört werden. Als der Schafhirte Mose, Gott nach seinem Namen fragt, antwortet dieser: Ich Bin Der Ich Bin (Mose 2, 3).            zurück



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